Die Ausstellungen „Entfesselte Bilder“ im Filmmuseum und „Michael Kerstgens. Out of Control“ im Fotografie Forum werden durch weitere Termine unterstützt. Die One-Shot-Methode ist wieder aktuell.
Gregor Ries /
In letzter Zeit gibt es eine kleine Welle an Genrefilmen, die in einer Kameraeinstellung gedreht wurden. Der französische Zombie-/Seuchen-Schocker „Mads“ und der US-Rassismus-Thriller „Soft & Quiet“ zum Beispiel. Sie nahmen den Faden auf, den Vorreiter wie Sebastian Schippers Jugend-Gangsterdrama „Victoria“ (2015) gesponnen hatten.
Netflix-Hit „Adolescense“
„Jeder Schnitt ist eine Lüge“, sagte ausgerechnet der für seine wilden Jump Cuts berühmte Jean-Luc Godard. In der Ausstellung darf die eindrucksvolle, apokalyptische Kamerafahrt aus der Endzeitvision „Weekend“ (1967) nicht fehlen. Ansonsten wurde die Möglichkeit einer ganzen Sequenz („Plan-séquence“ nach André Bazin) in Werken wie der Eröffnung von „Touch of Evil“ von 1958 (17. April, 20.30 Uhr/19. April, 18 Uhr) und weiteren Noir-Klassikern zur Spannungssteigerung verwendet. Während Kulturdezernentin Ina Hartwig bei der Eröffnung auf die Zusammenarbeit von Kameramann Michael Ballhaus mit Rainer Werner Fassbinder und dessen 360°-Fahrten als Markenzeichen verwies (etwa in „Martha“, 1974), hob Kurator Michael Kinzer den Netflix-Erfolg „Adolescence“ hervor, bei dessen One-Shot-Dreh Kräne und Drohnen zum Einsatz kamen.
Das aktuelle Actionkino baut bei Kampfszenen zunehmend auf eindrucksvolle Plansequenzen, aber auch Musicals wie „Better Man“ oder „La La Land“ glänzen mit minuziös geplanten Tanzeinlagen ohne Schnitt. „Es geht um Choreografie“, unterstrich es Kinzer bei der Eröffnung der Ausstellung „Entfesselte Bilder – Long Takes. One Shot. No Cuts“, die bis zum 1. Februar 2026 im DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum zu sehen ist.
One-Shot durch innovative Techniken
Als Alfonso Cuarón im Finale von „Children of Men“ von 2006 (10. April, 18 Uhr mit Einführung/13. April, 20.30 Uhr) oder Johnny To in der zehnminütigen Eröffnungssequenz von „Breaking News“ (2004, nicht in der Ausstellung) auf (scheinbar) ungeschnittene Actioneinlagen setzten, wirkte dies neu und überraschend. Das DFF mit Kurator Kinzer belegen in der sehenswerten Ausstellung, dass es innerhalb der Filmgeschichte nichts Neues darstellt. Inzwischen können mit den technischen Möglichkeiten immer längere Sequenzen am Stück gedreht werden und Überflüssiges später digital entfernt werden.
Laut DFF-Mitarbeiter Andreas Beilharz will man sich beim Kino-Schwerpunkt zur Ausstellung auf unter anderem Max Ophüls, Brian de Palma, Gaspar Noé sowie auf Arthouse-Meister wie Miklós Jancsó, Béla Tarr und Theo Angelopoulos konzentrieren. Schauspielerin Elisa Schott begleitet den Thriller „Limbo“ am Dienstag, 15. April, um 20.30 Uhr, Kameramann Tilman Büttner wird im Oktober den Eremitage-Ausflug „Russian Ark“ kommentieren. Regisseurin Mariko Minoguchi wird die „Zeit Verbrechen“-Folge „Dezember“ zu Jahresende vorstellen. Tonmeister Magnus Pflüger über den „Victoria“-Dreh Ende Januar 2026 berichten. Zudem soll es ein Stummfilmkonzert zu dem einstündigen Klassiker „Sylvester“ (1924) am 19. Juli um 18 Uhr geben.
Antoinetta Angelidi stellt ihre Kunst vor
Miklós Jancsó als Meister der inszenierten Kamerafahrten mit Massenchoreografien wurde vor Jahren schon vom Frankfurter Filmkollektiv vorgestellt. Am Wochenende (3.-5. April) richtet die Gruppe ihr Augenmerk auf Antoinetta Angelidi mit einer Werkschau aus ihren vier Spielfilmen. Ein Kurzfilmprogramm, eine Dokumentation ihrer Tochter Rea Walldén sowie eine Masterclass am Samstag, 5. April, um 17 Uhr im DFF-Kino folgen. Es ist die seltene Gelegenheit, das Werk der Avantgardekünstlerin zu erleben. Sie verbindet Kunstformen wie Malerei mit lebenden Bildern, moderner Tanz und Stummfilm. Angelidi und Tochter werden bei allen Vorstellungen anwesend sein.
Mit einer Werkschau im Fotografie Forum vertreten ist derzeit Dokumentarfotograf Michael Kerstgens: „Out of Control“ mit mehreren Facetten seiner spannenden Biografie ist bis 11. Mai zu sehen. Mit dem Rhein-Main-Gebiet ist der Weltenbummler als Fotografiedozent in Darmstadt verbunden. Die elf Sektionen drehen sich über den Bergarbeiterstreik in Süd-Wales, den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Recklinghausen oder um Auswirkungen des Kolonialismus in Tansania. Kerstgens kam durch die Dokumentation der damals stark beachteten Serie „Rote Erde“ (1983) mit der Künstlerszene des Ruhrgebietes in Berührung. Auch Konzerte der „Clash“ oder der „Toten Hosen“ bildete er ab.
Eine Sektion der Ausstellung widmet sich Künstlerporträts wie Udo Kier, Christoph Schlingensief, Helge Schneider oder der Filmemacherin Dore O. Da lag es nahe, seinen Freund Joachim Król zu einer Lesung zu bitten. Der Schauspieler liest am Freitag, 4. April, um 18 Uhr aus dem Roman „GB84“ über den britischen Minenstreik im Fotografie Forum. Am Mittwoch, 23. April, wird Kerstgens mit “Photography of Participation“ um 18 Uhr über seine Arbeit berichten.