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Foto: Der Heine Chor © Rebekka Waitz
Foto: Der Heine Chor © Rebekka Waitz

Heine Chor in Frankfurt

Die moderne Menschheit als Kollektiv von Brandstiftern

Zur Performance von „Die Reue des Prometheus" lädt der Heine Chor in die Gethsemanekirche in Frankfurt. Wieder dabei: Schauspielerin und Sängerin Katharina Bach. Ein Interview mit Chormitglied Werner Heinz.
JOURNAL FRANKFURT: Der Mensch singt wieder. Zumindest gibt es zahlreiche Angebote bis hinein in die Rockclubs, wo – was für ein Wort – Rudelsingen angeboten wird. Ansonsten haben Chöre ja oft ein angestaubtes Image. Dem muss man etwas entgegensetzen. Bei euch war es eine Inszenierung im Theater Willy Praml, die euch zusammenbrachte. Das Thema war Heinrich Heine. Dass ihr euch gleich nach ihm benannt habt, ist sicher schnell Programm geworden?
Werner Heinz: 2013 haben wir unsere ersten Heine-Lieder in über zwanzig Aufführungen der inzwischen legendären fünfstündigen Heine-Inszenierung von Willy Praml auf den Fundamenten der Frankfurter Judengasse gesungen. Und viel gelernt: über die Frankfurter Stadtgeschichte und die mittelalterliche Judengasse. Und natürlich über Heinrich Heine, den die meisten von uns erstmals auch mit seinen Reiseberichten, mit seinen Kommentaren zur gesellschaftlichen und politischen Lage und mit seinen philosophischen Schriften kennengelernt haben.

Seit 2015 sind wir übrigens weiterhin als „Bewegungschor des Theater Willy Praml“ aktiv bei dem in zweijährigem Turnus am Mittelrhein aufgeführten theatralen Heine-Parcours unter dem Titel „Der Rabbi von Bacharach. Heine. Stationen eines Traumas“ und dem Mittelrhein Theater-Festival „An den Ufern der Poesie“. Wir haben dort den im 13. Jahrhundert antijüdisch erfundenen und seither zahlreiche Juden-Pogrome befeuernden Ritualmord-Märtyrer und Schutzpatron der Winzer „Sankt Werner“ abgelöst und an seine Stelle Heinrich Heine als Schutzpatron der demokratischen Kultur etabliert. In diesem Jahr feiern wir dort das zehnjährige Jubiläum des Theater-Festivals.

Unsere Beschäftigung mit Heinrich Heine haben wir fortgesetzt mit mehreren Chor-Theater-Revuen und literarisch-musikalischen Programmen in der Naxoshalle und in Chor-Stadtführungen zur Frankfurter Stadtgeschichte. Und wir haben außerdem an eindrucksvollen Inszenierungen des Theaters Willy Praml – zum Beispiel von Goethes „Walpurgisnacht“ mit Texten von Kluge und Nietzsche sowie von Heines Bericht aus 1832 über die Cholera in Paris – mitgewirkt. Insofern steht Heinrich Heine für unser Kern-Programm.

Befreiungskämpfer und Bürgerrechtler als Kollegen von Heinrich Heine

Neben Heine-Vertonungen kamen schnell Vorlagen weit über die Romantik hinaus ins Repertoire. Welche Autoren oder Musiker waren prädestiniert dafür, in euer Programm Eingang zu finden?
Es lag nahe, nach den musikalischen, literarischen und politischen Kollegen und Erben Heinrich Heines zu fragen. Unsere Antworten lauteten: Brecht & Eisler; Bob Dylan und Billie Holiday in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre; Jose Afonso, der Sänger der portugiesischen Nelkenrevolution 1974, und Pablo Nerudas & Mikis Theodorakis‘ „Canto General“ als Oratorium der Befreiung von den Militärdiktaturen in Lateinamerika und von der Obristen Diktatur in Griechenland 1974. Und wenn man „Strange Fruit“ von Billie Holiday oder „Blind Willie McTell“ von Bob Dylan singt, dann beschäftigt man sich mit dem Kontext der Songs. Jose Afonso und Mikis Theodorakis haben uns daran erinnert, dass erst um 1974 herum die Diktaturen in Südeuropa erledigt waren (da waren die meisten von uns Sängern so um die 20 Jahre alt), dass also die Durchsetzung der Demokratie auch in Europa zu unserer eigenen biografischen Erinnerungskultur gehört.

Und Brechts Kinderhymne haben wir gewissermaßen als den Song vom Sturz der kommunistischen Diktatur in der DDR und in Osteuropa in dieses Repertoire übernommen. Übrigens in einem Arrangement von Wolfgang Barina, in dem das wunderbare Lied von der Patina der DDR-FDJ-Chöre befreit ist. Ferdinand Freiligrath mit seiner Hymne „In Kümmernis und Dunkelheit“ über die demokratischen Farben Schwarz-Rot-Gold (Lied-Komposition Robert Schumann!) und seinem „Trotz Alledem und Alledem“ haben wir vor zwei Jahren als Liedprogramm in Michael Quasts Inszenierung „Dem Volk seine Rechte“ zum Jubiläum der Paulskirchen-Nationalversammlung 1848 einstudiert und seither bei Chor-Stadtführungen und Lesungen zum deutschen Demokratie-Geburtsjahr 1848 gesungen.

Über die Absicht des Frankfurter Heine-Chors, „politisch“ zu sein

Wie politisch ist der Heine Chor, was will er über Unterhaltung hinaus leisten?
Wenn wir in der Tradition von Heine einige Kraftlinien in der Geschichte der Demokratie aufnehmen und ihre Bedeutung und politische Schönheit in unseren Programmen herausarbeiten: Ist das „politisch“? Ich empfinde das als eine selbstverständliche, aufgeklärte Zeitgenossenschaft, die in allen politischen Milieus (Ausnahme die Rechtsradikalen und Populisten) eine Heimat haben sollte: Unsere Interpretation von Bob Dylans „The Times They Are a-Changin“ würde sich hervorragend als Hymne für die „Fridays For Future“-Demos eignen, wenn die dort engagierten jungen Leute überhaupt noch den Bob Dylan der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung kennen würden.

Unser aktuelles Programm „Die Reue des Prometheus“ hätte den christlich Konservativen viel zu sagen, die sich um die Bewahrung der Schöpfung sorgen. Und für Liberale, Sozialdemokraten und Linke, die sich der historischen Rolle der bürgerlichen Demokraten und der Arbeiterbewegung im Kampf um die Demokratie bewusst sind, müssten wir anschlussfähig sein mit unserer Pflege des Liedguts aus der 1848er Bewegung bis zu den Songs der amerikanischen und europäischen Bürgerrechtlerinnen. Andererseits: Man hat inzwischen doch auch wieder selbst das Gefühl, man sei „politisch“ mit einer doch eigentlich nur der Aufklärung verpflichteten Programmatik. Aber das sagt wohl mehr aus über aktuelle Entwicklungen im öffentlichen Resonanzraum als über eine Absicht des Heine-Chors, „politisch“ zu sein.

Kann man in Zeiten der absehbaren Klimakatastrophe romantische Lieder singen?

Mit „Die Reue des Prometheus II" steht ein weiteres Fusion-Konzert an. Was suggeriert dieser Begriff und was darf das Publikum erwarten?
Wir knüpfen an unsere fulminante Performance vom März letzten Jahres im Netzwerk Seilerei mit Katharina Bach und „Der temporäre elektronische Salon“ (Oliver Leicht/Oliver Rubow) an, treten diesmal aber in einer etwas veränderten Besetzung an. Das Chorprogramm wird jetzt alleine vom 12-kehligen Männerstimmen-Ensemble bestritten, und Katharina Bachs Sprachperformance wird musikalisch von Gregor Pramls Bass und LoopMachine munitioniert. Und wir haben das Chor-Text-Programm aus dem letzten Jahr mit neuen Arrangements von Wolfgang Barina über Brahms und Couperin erweitert (wir wollen uns ja auch als Chor weiterentwickeln). Unverändert bleibt die Ausgangsfrage: Kann man in Zeiten der absehbaren (Klima-) Katastrophe noch romantische Lieder singen? Romantik als Flucht in ein Traumland oder Romantik als Kraftquelle gegen die Zerstörung unserer Zukunft?

Es ist frappierend, wenn Katharina Bach in Brechts frühem Liedchen „Erinnerung an die Marie A.“ romantisch von einer „Wolke, ungeheuer oben“ über dem Liebespaar singt, und wenn sie uns dann von der nuklear verseuchten Wolke in Svetlana Alexijewitschs Tschernobyl-Protokollen liest. Oder wenn Katharina Bach auf die Chor-Interpretation von Schumanns Mondnacht mit einer Reflexion von Philipp Blom über die chemisch-physikalische Manipulation von Wolken zu kommerziellen und politischen Zwecken antwortet. Mit Wolfgang Barinas Variationen über Nina Simones „Sinnerman“ und Hubert v. Goiserns „Sünder“ kommentieren wir musikalisch die Überlegungen von Peter Sloterdijk über die Reue des Prometheus, der einer Gattung von Weltenbrandstiftern das Feuer gebracht hat und die Warnung von Thomas Metzinger vor den gesellschaftlich-psychologischen Kipp-Punkten, denen wir entgegengehen, wenn die physikalischen Kipp-Punkte der Klimakatastrophe nicht mehr revidierbar sein werden.

Kirchen als wichtige Orte des gesellschaftlichen Diskurses

Auf der Suche nach einem alternativen Aufführungsort habt ihr nun eine Kirche gefunden. Was bedeutet der Auftritt an solch einem Ort?
Es gibt eine ganze Reihe von katholischen und evangelischen Kirchengemeinden in Frankfurt, die ihre Gotteshäuser und Gemeindesäle für gesellschaftliches Engagement öffnen und aus ihrem christlichen Glauben eine Verantwortung für die Erhaltung der Schöpfung und des gesellschaftlichen Friedens ableiten. Die Kirchen entwickeln sich zu wirklich wichtigen Orten des gesellschaftlichen Diskurses. Vor kurzem haben wir mit unserer für das Paulskirchen-Jubiläum 2023 gebildeten gemischten Chorformation bei einem „Abend für Demokratie“ der Hanna-Gemeinde in der Evangelischen Andreaskirche mitgewirkt und jetzt werden wir in der Gethsemane-Kirche willkommen geheißen. Wir freuen uns über die Resonanz der Gemeinde und wir freuen uns auf einen modernen Kirchen-Raum, der architektonisch und akustisch absolut ideal für unser Projekt erscheint.

Info
Die Reue des Prometheus
Fusion Chor-/ Sprach-Performance
Fabrik außer Haus: Gethsemane-Kirche, Eckenheimer Landstraße 90, 29.3., 19 Uhr
Eintritt: Vorverkauf 15 Euro, Abendkasse 17 Euro

Einen Trailer zur Veranstaltung sehen sie hier.
 
Fotogalerie:
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24. März 2025, 12.00 Uhr
Detlef Kinsler
 
 
 
 
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