Über die Platzangst am Rand der Gesellschaft: Arthur Millers Klassiker „Ein Blick von der Brücke“ beim Schauspiel Frankfurt. Die Inszenierung von Eric de Vroedts ist ebenso modern wie stilvoll.
Julian Mackenthun /
Ein Pier am New Yorker Frachthafen. Hier arbeiten italienische Einwanderer, die es zwar geschafft haben, ihre Heimatorte auf Sizilien zu verlassen, aber gescheitert sind, weiter landeinwärts vorzudringen – in die amerikanische Gesellschaft. Wie Gestrandete leben sie nun vorgelagert vor der Stadt. So geht es auch Eddie Carbone und seiner Frau Beatrice. Zwar haben sie ein Bleiberecht in den USA, doch vom American Dream können sie allenfalls träumen. Dagegen hat die gemeinsame Ziehtochter, Eddies siebzehnjährige Nichte Catherine, gute Schulnoten und bekommt sogar eine Arbeitsstelle angeboten. Eddie hätte sein geliebtes Mädchen zwar gerne die Schule abschließen sehen. Aber er willigt ein, sie arbeiten zu lassen. Nur einen Rat gibt er Catherine mit auf den Weg: „Traue niemandem.“
Liebt Rodolfo wirklich Catherine – oder nur ihren amerikanischen Pass?
Wie sehr sich Eddie selber diesen Rat zur Lebenseinstellung gemacht hat, zeigt sich, als zwei Männer in das kleine Haus der Carbones dazustoßen: Marco und Rodolfo. Auch sie haben Sizilien verlassen und sind nun als Illegale in die USA eingereist. Während Marco zu Hause in Übersee drei kleine Kinder zu versorgen hat, träumt Rodolfo von einem Leben in New York – zumal Catherine sich in ihn verliebt hat und die beiden bald an eine Hochzeit denken. Das aber ruft Eddies Argwohn hervor: Liebt Rodolfo wirklich Catherine – oder nur ihren amerikanischen Pass? Catherine dagegen fühlt sich von Rodolfo aufrichtig geliebt und kritisiert Eddie für dessen Misstrauen. Und Eddies Frau Beatrice erkennt bei Eddie mehr als bloße Vaterliebe für Catherine.
Schauspiel Frankfurt: Drama in einer schlichten grünen Sitzlandschaft
So schnüren sich die Konflikte immer enger und offenbaren, wie schmal der Rand einer Gesellschaft ist, sodass dort kein Platz für Solidarität bleibt. Eric de Vroedts Inszenierung am Schauspiel Frankfurt platziert das Drama (Stichwort: Greencard) in einer schlichten grünen Sitzlandschaft. Ebenso modern wie stilvoll inszeniert, lebt das Stück hier besonders von seiner gelungenen Figurendarstellung – allen voran André Meyer als urgewaltigem Eddie Carbone.
Info Ein Blick von der Brücke, Schauspiel, Ffm: Schauspiel Frankfurt, Neue Mainzer Straße 17, 2.2. 16 Uhr, 6.2. 19.30 Uhr, 9.2. 18 Uhr, 12./17.2. 19.30 Uhr
Julian Mackenthun, geboren 1993, studierte Englisch und Geschichte an der Goethe-Universität. Seit 2020 leitet er das Theater-Ressort des Journal Frankfurt.