Gemeinsam mit dem Sigmund-Freud-Institut richtet die Frankfurter Goethe-Universität eine Professur für Klinische Psychoanalyse ein. Finanziert wird sie aus Stiftungsmitteln in Höhe von vier Millionen Euro.
Sina Claßen /
Seitdem der ehemalige Inhaber Tilmann Habermas 2022 in Rente gegangen ist, gab es keinen Lehrstuhl für Psychoanalyse an der Goethe-Universität. Nun richtet sie wieder eine Professur für Klinische Psychoanalyse ein: In Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Sigmund-Freud-Institut will die Universität sowohl die Forschung zur Psychotherapie als auch die Ausbildung von Psychotherapeutinnen und -therapeuten weiterentwickeln – und national wie international sichtbar werden. Wer die Professur am Fachbereich für Psychologie und Sportwissenschaften bekleiden wird, ist noch nicht bekannt. Der oder diejenige soll außerdem Direktor oder Direktorin am Sigmund-Freud-Institut werden und möglicherweise dessen Ambulanz leiten.
Den Lehrstuhl nach Habermas‘ Ausscheiden vor drei Jahren nicht beziehungsweise nicht explizit mit einem Psychoanalytiker oder einer Psychoanalytikerin neu besetzen zu wollen, hatte überregional für Kritik gesorgt. Begründet wurde die Entscheidung mit der Neuausrichtung des Studienfachs Psychologie aufgrund einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2019. „Der neue Masterstudiengang Psychotherapie sieht gesetzlich und qua Approbationsordnung die Lehre der vier anerkannten Psychotherapieverfahren vor“, erklärt Sonja Rohrmann, Professorin und Dekanin des Psychologie-Fachbereichs. Dazu gehören neben der Psychoanalyse die tiefenpsychologische Therapie, systemische Therapie und Verhaltenstherapie.
Psychische Erkrankungen in Folge gesellschaftlicher Krisen
„Gerade in Folge andauernder gesellschaftlicher Krisen nehmen psychische Erkrankungen zu, deshalb freuen wir uns sehr über die Stärkung unseres Instituts für Psychologie“, sagt Rohrmann. „Die Psychologie hält eine Vielzahl von klinischen Ansätzen, Methoden und Werkzeugen bereit – die Psychoanalyse ist darunter eines der ältesten und grundlegendsten.“
Insbesondere in Frankfurt hat Psychoanalyse Tradition: Nachdem Psychoanalytikerinnen und -analytiker im Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben wurden, richtete die hessische Landesregierung 1960 an der Goethe-Universität eine Professur für Alexander Mitscherlich ein. Mitscherlich war damals, gemeinsam mit seiner Frau Margarete, einer der prominentesten Vertreter der Psychoanalyse und die Psychoanalyse wiederum die vorherrschende Schule in der Psychotherapie. Das Sigmund-Freud-Institut wurde im selben Jahr in Frankfurt eröffnet.
Vier Millionen Euro für neue Professur an Frankfurter Goethe-Uni
Stiftungsmittel in einer Höhe von insgesamt vier Millionen Euro machen die Professur für Klinische Psychologie an der Goethe-Uni möglich. Die Gelder stammen von der Dr. Elmar und Ellis Reiss Stiftung, dem Franz Adickes Stiftungsfonds, der Alfons und Gertrud Kassel-Stiftung sowie der Dr. Rolf M. Schwiete Stiftung. Das Stiftungsvermögen biete ganz bewusst die Option für Zustiftungen, erklärt Universitäts-Präsident Enrico Schleiff. „Wir laden daher weitere potenzielle Geldgeber, die sich der Tradition der Psychoanalyse in Frankfurt verbunden sehen, gern ein, die Stiftungsprofessur zusätzlich zu unterstützen.“ So hat sich die Köhler-Stiftung beispielsweise mit 100 000 Euro an der Ausstattung der Professur beteiligt.
Neben der Lichtenberg-Stiftungsprofessur für Molekulare Systemmedizin, der Stiftungsprofessur Digitale Transformation und Arbeit sowie der Gisela und Wilfried Eckhardt-Stiftungsprofessur für Experimentalphysik ist die Professur für Klinische Psychoanalyse die vierte gestiftete Professur an der Goethe-Uni. Das bedeutet: Sie ist auf Dauer angelegt und aus Stiftungserträgen finanziert. „Gerade in Zeiten, in denen die staatliche Finanzierung für die Hochschulen angesichts der Haushaltsnöte in Bund und Ländern leider unsicherer wird, erarbeiten wir uns mit diesen Mitteln eigene Gestaltungsspielräume“, so Schleiff.
Alle vier Stiftungsprofessuren wurden im Laufe der vergangenen drei Jahre eingerichtet. Insgesamt hat die Goethe-Uni damit ein Stiftungsvolumen von mehr als 22 Millionen Euro eingeworben. Nicht gestiftet, aber dennoch neu ist die bundesweit erste Professur für Suizidologie, die es seit November 2024 an der Goethe-Uni gibt. Die Professur wird in großen Teilen ebenfalls von der Dr. Elmar und Ellis Reiss Stiftung gefördert.