Partner
Februar-Titelstory
Frankfurt ohne Kinder?
Weniger Verantwortung, dafür viele Freiheiten und finanzielle Sicherheit: Für einige Menschen gibt es gute Gründe, die für ein Leben ohne Kinder sprechen. Fünf glücklich Kinderlose aus Frankfurt berichten.
„Natürlich verpasse ich etwas“, sagt Sina Scheithauer. „Ich sehe bei Freundinnen mit Kindern viele schöne Dinge, die ich nie erleben werde. Ich weiß aber auch, dass es umgekehrt genauso ist.“ Als sich die Sozialarbeiterin und ausgebildete Coachin nach langen Überlegungen mit 30 für ein Leben ohne Kinder entschied, konnte sie mit niemandem darüber sprechen. Um anderen die Stütze zu sein, die sie selbst nicht hatte, machte sie sich vor drei Jahren selbstständig – als „Childfree“-Coachin.

Sina Scheithauer, ausgebildete „Childfree“-Coachin © Harald Schröder
Paare und Frauen, vereinzelt auch Männer, meist in festen Partnerschaften, in ihren Dreißigern und Vierzigern, wenden sich an Scheithauer. Zu Beginn häufig mit der Frage: Ist mein Kinderwunsch groß genug, um mein Leben vollkommen umzukrempeln? „Viele Frauen können anfangs gar nicht benennen, ob der Wunsch intrinsisch oder durch gesellschaftlichen Druck entstanden ist“, erklärt Scheithauer. Für andere sei die Antwort bereits klar und es gehe darum, einen Weg zu finden, das kinderfreie Leben sinnvoll zu gestalten.
Häufige Gründe gegen Kinderlosigkeit: mehr Freizeit und Freiheit
Warum sich Frauen für ein kinderfreies Leben entscheiden, zeigte 2023 eine Studie der Sozialwissenschaftlerinnen Annkatrin Heuschkel und Claudia Rahnfeld, die mehr als 1100 Frauen zwischen 31 und 40 Jahren dazu befragten. Die Teilnehmerinnen nannten den Wunsch nach Selbstverwirklichung, mehr Freizeit und Freiheit von Verantwortung am häufigsten als Gründe für ein kinderfreies Leben. Finanzielle Vorteile und Zufriedenheit mit der gegenwärtigen Partnerschaftssituation waren für mehr als die Hälfte ausschlaggebend. Neben der Angst vor Überforderung sowie vor Schwangerschaft und Geburt gab etwas weniger als die Hälfte der Frauen an, besorgt um ihren ökologischen Fußabdruck und das stetige Bevölkerungswachstum zu sein. Die Mehrheit der Befragten hatte die Entscheidung für ein kinderfreies Leben zudem bereits getroffen, bevor sie 21 waren.
Immer mehr Menschen scheinen das Lebensmodell der klassischen Kleinfamilie zu hinterfragen. In den vergangenen Jahren entwickelte sich daraus vorrangig in den sozialen Medien eine Art „Childfree“-Bewegung, deren Anhängerinnen die Vorzüge eines kinderfreien Lebens öffentlich zelebrieren. Ob sich die aktuelle Bewegung auf die Geburtenraten in Deutschland auswirkt, lässt sich in der Bevölkerungsforschung erst in einigen Jahren feststellen. Denn dort ist von endgültiger Kinderlosigkeit nur die Rede, wenn Frauen mit 45 Jahren die Lebensphase des Kinderkriegens bereits hinter sich haben, erklärt Carmen Friedrich vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. „Seit 2012 liegt die endgültige Kinderlosigkeit nahezu konstant bei 20 Prozent. Die Geburtenrate ist seit 2021 allerdings deutlich zurückgegangen“, sagt Friedrich.
Großer Verunsicherung durch Krisen und Krieg
2021 lag die Geburtenrate noch bei 1,57 Kindern pro Frau, 2022 bei 1,46, im Jahr 2023 nur noch bei 1,35. Als Ursache dafür vermutet die Forscherin eine Verunsicherung in der Bevölkerung, ausgelöst durch Krisen wie den Ukraine-Krieg, steigende Kosten und den wachsenden Platz- und Fachkräftemangel in der Kinderbetreuung. „Möglich ist, dass viele das Kinderkriegen aufgrund der Umstände lediglich aufschieben.“ Gerade bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stießen jedoch viele Menschen auf Hindernisse, denen aktuell nur eine geeignete Familienpolitik entgegenwirken könne, so Friedrich.
Diese Hindernisse könnten besonders in Frankfurt eine Rolle spielen. Neben dem angespannten Wohnungsmarkt weist zudem die Kinderbetreuung Versorgungslücken auf: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen aktuell etwa 3400 Kita-Plätze. In Frankfurt lag die Geburtenrate 2023 mit einem Kind pro Frau zuletzt deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. In einer Großstadt nicht unbedingt ungewöhnlich, so Friedrich. „Der Anteil der kinderlosen Frauen ist auch in Hamburg oder Berlin mit 29 und 24 Prozent sehr hoch. Dass es in Frankfurt ähnlich wie in den Stadtstaaten aussieht, ist naheliegend.“ Lange galten die skandinavischen Länder in Europa als Vorbild in Sachen Geschlechtergleichheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch auch dort geht die Geburtenrate aktuell zurück. „Es scheint, als würde eine moderne Familienpolitik allein nicht mehr ausreichen“, sagt Friedrich.

Alicia, 31 Jahre aus Griesheim © Harald Schröder
Alicia, 31 Jahre, Frankfurt-Griesheim
Als Erzieherin hatte Alicia jahrelang täglich Kinder um sich. Vor einigen Monaten hängte sie ihren Job in einer Frankfurter Kita an den Nagel. „Wir waren chronisch unterbesetzt und dauerhaft überlastet“, sagt die 31-Jährige. Als ihre Kolleginnen trotz der spürbar prekären Betreuungs- und Arbeitssituation nach und nach Kinder bekamen, konnte sie das nur schwer nachvollziehen. „Meine Kinderlosigkeit erschien mir so selbstverständlich, dass mich ihre Entscheidung überraschte.“
Für Alicia stand früh fest, dass sie keine eigenen Kinder will. „Mir sind Freiheit, Unabhängigkeit und finanzielle Sicherheit wichtig. Ich hatte immer Angst, ein Kind finanziell nicht stemmen zu können.“ Als sie und ihr Mann kurzzeitig überlegten, in ihre Heimat Bad Hersfeld zurückzukehren, kam ihr der Gedanke an Kinder, den sie aber schnell wieder verwarf. „Wenn Kinder, dann auf dem Land. In Frankfurt könnte ich mir das niemals vorstellen. Allein schon wegen der fehlenden Barrierefreiheit an vielen Orten.“ Als 2023 ihre Hochzeit vor der Tür stand, wollte sie die Frage der Familienplanung endgültig besiegeln und ließ sich mit 30 sterilisieren. „Ich wollte nicht den Rest meines Lebens auf hormonelle Verhütung angewiesen sein. Jetzt vergeht kein Tag, an dem ich nicht froh darüber bin.“

Alisa, 31 Jahre aus dem Westend © Harald Schröder
Alisa, 31 Jahre, Frankfurt-Westend
Alisa kam 2019 aus der Ukraine nach Deutschland, um als Neurowissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Neurobiologie zu arbeiten. Seit dem Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine im Jahr 2014 möchte sie keine Kinder mehr. „Meine Erwartungen haben sich seitdem sehr verändert. Wir leben in einer unbeständigen Welt, in der genug Kinder leben, die niemanden haben.“ Lieber würde Alisa den Kindern in der Ukraine helfen, die durch den russischen Angriffskrieg ihre Familien verloren haben. „Ich denke, dass wir als Gesellschaft für Kinder verantwortlich sind. Kinder brauchen nicht nur ihre Eltern als Vorbilder, sondern auch andere Erwachsene.“
Deshalb könne sie sich vorstellen, später selbst ein Kind zu adoptieren oder eine Patenschaft zu übernehmen. Dazu fehlten momentan jedoch die finanziellen Mittel, da sie und ihr Mann alles, was übrig bleibt, an die Streitkräfte und Freunde in der Ukraine überweisen. Aktuell wirkt Alisa an der Entwicklung eines bionischen Auges mit, wodurch unter anderem die Sehfähigkeit von Kriegsversehrten wiederhergestellt werden könnte. „Ich will wichtiges für die Gesellschaft tun, dafür muss ich keine Mutter sein.“ >

Carsten, 35 Jahre aus dem Nordend © Harald Schröder
Carsten, 35, Frankfurt-Nordend
„Ich schätze es, allein zu sein. Schon in der Grundschule war ich ein Einzelgänger.“ Beruflich und privat geht Carsten ungern Risiken ein, scheut Veränderungen. „Der Trick zum Glücklichsein ist, nirgendwo hinzuwollen. Wenn alles gut läuft, werde ich immer den gleichen Job machen und niemals aus meiner Wohnung ausziehen.“ Deshalb seien auch eigene Kinder für ihn schon früh keine Option gewesen. „Wenn Freunde mir von tollen Erlebnissen mit ihren Kindern erzählen, weiß ich, dass es mir an ihrer Stelle genauso gehen würde. Ich habe aber lieber Null Vor- und Null Nachteile als 99 Vorteile und einen Nachteil.“
Spuren zu hinterlassen und sich in etwas wiederzuerkennen sei jedoch ein menschliches Bedürfnis: „Meist sind die stolzesten Eltern nicht die, deren Kind eine Eins in Mathe schreibt, sondern wenn sie in ihm ihre eigenen Verhaltensweisen wiedererkennen.“ Carsten lebt dieses Bedürfnis kreativ, in Form von Texten und Musik, aus. „Auch so kann ich etwas von mir selbst in die Welt bringen.“ Bevor er durch einen Studentenjob in der IT landete, studierte er Erziehungswissenschaften, betreute schon als Teenager den Kirchenchor und arbeitete später in einem Hort. Positiv prägen könne man Kinder schließlich auch, wenn es nicht die eigenen seien. „Ich vermisse es, mit Kindern zu arbeiten. Unfairerweise verdiene ich viel mehr als ein Erzieher. Hätte ich die gleichen Vorteile bezüglich Gehalt, Arbeitsweg und Sicherheit, würde ich sofort wieder in die Kinderbetreuung wechseln.“

Ellie, 28 Jahre aus dem Gallus © Harald Schröder
Ellie, 28 Jahre, Frankfurt-Gallus
Früher wollte Ellie Kinder. „Je älter ich wurde, umso mehr hat sich meine Sicht verändert“, erklärt die Politik-Studentin. Eine Doppelbelastung wie ihre alleinerziehende Mutter, mit Berufstätigkeit und drei Kindern: für sie unvorstellbar. „Aber auch mit einem Partner hätte ich die Sorge, dass die Care-Arbeit nicht fair verteilt ist und man in die klassische Rollenverteilung verfällt.“ Mit einer Partnerin könne sie sich eher vorstellen, ein Kind großzuziehen. „Ich möchte aber selbst nicht schwanger werden, weil ich den körperlichen Prozess beängstigend finde.“ Ellies Geschwister leben in Berlin und England, ihre Mutter starb an Krebs, als sie gerade 18 war, und zu ihrem Vater hat sie kein enges Verhältnis. Deshalb ist für sie auch das fehlende familiäre Sicherheitsnetz ein Grund gegen Kinder. „Wenn das anders wäre, würde ich es vielleicht nicht mehr kategorisch ausschließen.
Es ändert aber nicht, dass ich keinen guten Grund für Kinder sehe.“ Die hohen Lebenshaltungskosten in Frankfurt sieht sie ebenfalls als Problem. „Ich wüsste ohnehin nicht, wie ich mir das mit einem Kind leisten soll.“ Mit 19 dachte Ellie das erste Mal über Sterilisation nach, im vergangenen Jahr ließ sie den Eingriff durchführen. „Nun muss ich endlich keine Angst mehr davor haben, ungewollt schwanger zu werden.“ Nach ihrem Studium würde sie gerne in der politischen Bildung arbeiten und auf diesem Wege, auch ohne eigene Kinder, ihre Werte weitergeben. >
Jeanette, 54 Jahre, Frankfurt-Rüsselsheim
Jeanette entschied sich schon mit 16 Jahren gegen eigene Kinder. „Ich hatte keine schöne Kindheit und große Angst, zu meinen Kindern genauso zu sein wie meine Eltern zu mir.“ Mit 30 ließ sie sich sterilisieren, um sich nicht mehr rechtfertigen und die Pille nicht mehr nehmen zu müssen. Ihr Gynäkologe bat sie damals, sich ein halbes Jahr Bedenkzeit zu nehmen. „Meine Meinung habe ich natürlich nicht geändert und den Eingriff keinen einzigen Tag bereut.“
Als ihr Bruder ein Kind bekam, genoss sie es dennoch, Patentante zu sein. Einen starken Bezug zu Kindern habe sie aber nie verspürt. Obwohl Jeanette einen Großteil ihres Berufslebens in Frankfurt verbrachte, freundete sie sich mit der Stadt nie wirklich an. „Wenn ich Eltern sehe, die sich mit einem Kinderwagen durch die Menschenmenge eines Weihnachtsmarkts quetschen, erregt das bei mir Unverständnis. Weder für Eltern noch für Kinder kann das angenehm sein.“ Wie für sie ein Leben mit Kindern verlaufen wäre, darüber machte sich Jeanette nie Gedanken. „Ich habe einfach mein Leben gelebt. Ich war immer frei und konnte tun und lassen, was ich wollte.“

Sina Scheithauer, ausgebildete „Childfree“-Coachin © Harald Schröder
Paare und Frauen, vereinzelt auch Männer, meist in festen Partnerschaften, in ihren Dreißigern und Vierzigern, wenden sich an Scheithauer. Zu Beginn häufig mit der Frage: Ist mein Kinderwunsch groß genug, um mein Leben vollkommen umzukrempeln? „Viele Frauen können anfangs gar nicht benennen, ob der Wunsch intrinsisch oder durch gesellschaftlichen Druck entstanden ist“, erklärt Scheithauer. Für andere sei die Antwort bereits klar und es gehe darum, einen Weg zu finden, das kinderfreie Leben sinnvoll zu gestalten.
Warum sich Frauen für ein kinderfreies Leben entscheiden, zeigte 2023 eine Studie der Sozialwissenschaftlerinnen Annkatrin Heuschkel und Claudia Rahnfeld, die mehr als 1100 Frauen zwischen 31 und 40 Jahren dazu befragten. Die Teilnehmerinnen nannten den Wunsch nach Selbstverwirklichung, mehr Freizeit und Freiheit von Verantwortung am häufigsten als Gründe für ein kinderfreies Leben. Finanzielle Vorteile und Zufriedenheit mit der gegenwärtigen Partnerschaftssituation waren für mehr als die Hälfte ausschlaggebend. Neben der Angst vor Überforderung sowie vor Schwangerschaft und Geburt gab etwas weniger als die Hälfte der Frauen an, besorgt um ihren ökologischen Fußabdruck und das stetige Bevölkerungswachstum zu sein. Die Mehrheit der Befragten hatte die Entscheidung für ein kinderfreies Leben zudem bereits getroffen, bevor sie 21 waren.
Immer mehr Menschen scheinen das Lebensmodell der klassischen Kleinfamilie zu hinterfragen. In den vergangenen Jahren entwickelte sich daraus vorrangig in den sozialen Medien eine Art „Childfree“-Bewegung, deren Anhängerinnen die Vorzüge eines kinderfreien Lebens öffentlich zelebrieren. Ob sich die aktuelle Bewegung auf die Geburtenraten in Deutschland auswirkt, lässt sich in der Bevölkerungsforschung erst in einigen Jahren feststellen. Denn dort ist von endgültiger Kinderlosigkeit nur die Rede, wenn Frauen mit 45 Jahren die Lebensphase des Kinderkriegens bereits hinter sich haben, erklärt Carmen Friedrich vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. „Seit 2012 liegt die endgültige Kinderlosigkeit nahezu konstant bei 20 Prozent. Die Geburtenrate ist seit 2021 allerdings deutlich zurückgegangen“, sagt Friedrich.
2021 lag die Geburtenrate noch bei 1,57 Kindern pro Frau, 2022 bei 1,46, im Jahr 2023 nur noch bei 1,35. Als Ursache dafür vermutet die Forscherin eine Verunsicherung in der Bevölkerung, ausgelöst durch Krisen wie den Ukraine-Krieg, steigende Kosten und den wachsenden Platz- und Fachkräftemangel in der Kinderbetreuung. „Möglich ist, dass viele das Kinderkriegen aufgrund der Umstände lediglich aufschieben.“ Gerade bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stießen jedoch viele Menschen auf Hindernisse, denen aktuell nur eine geeignete Familienpolitik entgegenwirken könne, so Friedrich.
Diese Hindernisse könnten besonders in Frankfurt eine Rolle spielen. Neben dem angespannten Wohnungsmarkt weist zudem die Kinderbetreuung Versorgungslücken auf: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen aktuell etwa 3400 Kita-Plätze. In Frankfurt lag die Geburtenrate 2023 mit einem Kind pro Frau zuletzt deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. In einer Großstadt nicht unbedingt ungewöhnlich, so Friedrich. „Der Anteil der kinderlosen Frauen ist auch in Hamburg oder Berlin mit 29 und 24 Prozent sehr hoch. Dass es in Frankfurt ähnlich wie in den Stadtstaaten aussieht, ist naheliegend.“ Lange galten die skandinavischen Länder in Europa als Vorbild in Sachen Geschlechtergleichheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch auch dort geht die Geburtenrate aktuell zurück. „Es scheint, als würde eine moderne Familienpolitik allein nicht mehr ausreichen“, sagt Friedrich.

Alicia, 31 Jahre aus Griesheim © Harald Schröder
Als Erzieherin hatte Alicia jahrelang täglich Kinder um sich. Vor einigen Monaten hängte sie ihren Job in einer Frankfurter Kita an den Nagel. „Wir waren chronisch unterbesetzt und dauerhaft überlastet“, sagt die 31-Jährige. Als ihre Kolleginnen trotz der spürbar prekären Betreuungs- und Arbeitssituation nach und nach Kinder bekamen, konnte sie das nur schwer nachvollziehen. „Meine Kinderlosigkeit erschien mir so selbstverständlich, dass mich ihre Entscheidung überraschte.“
Für Alicia stand früh fest, dass sie keine eigenen Kinder will. „Mir sind Freiheit, Unabhängigkeit und finanzielle Sicherheit wichtig. Ich hatte immer Angst, ein Kind finanziell nicht stemmen zu können.“ Als sie und ihr Mann kurzzeitig überlegten, in ihre Heimat Bad Hersfeld zurückzukehren, kam ihr der Gedanke an Kinder, den sie aber schnell wieder verwarf. „Wenn Kinder, dann auf dem Land. In Frankfurt könnte ich mir das niemals vorstellen. Allein schon wegen der fehlenden Barrierefreiheit an vielen Orten.“ Als 2023 ihre Hochzeit vor der Tür stand, wollte sie die Frage der Familienplanung endgültig besiegeln und ließ sich mit 30 sterilisieren. „Ich wollte nicht den Rest meines Lebens auf hormonelle Verhütung angewiesen sein. Jetzt vergeht kein Tag, an dem ich nicht froh darüber bin.“

Alisa, 31 Jahre aus dem Westend © Harald Schröder
Alisa kam 2019 aus der Ukraine nach Deutschland, um als Neurowissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Neurobiologie zu arbeiten. Seit dem Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine im Jahr 2014 möchte sie keine Kinder mehr. „Meine Erwartungen haben sich seitdem sehr verändert. Wir leben in einer unbeständigen Welt, in der genug Kinder leben, die niemanden haben.“ Lieber würde Alisa den Kindern in der Ukraine helfen, die durch den russischen Angriffskrieg ihre Familien verloren haben. „Ich denke, dass wir als Gesellschaft für Kinder verantwortlich sind. Kinder brauchen nicht nur ihre Eltern als Vorbilder, sondern auch andere Erwachsene.“
Deshalb könne sie sich vorstellen, später selbst ein Kind zu adoptieren oder eine Patenschaft zu übernehmen. Dazu fehlten momentan jedoch die finanziellen Mittel, da sie und ihr Mann alles, was übrig bleibt, an die Streitkräfte und Freunde in der Ukraine überweisen. Aktuell wirkt Alisa an der Entwicklung eines bionischen Auges mit, wodurch unter anderem die Sehfähigkeit von Kriegsversehrten wiederhergestellt werden könnte. „Ich will wichtiges für die Gesellschaft tun, dafür muss ich keine Mutter sein.“ >

Carsten, 35 Jahre aus dem Nordend © Harald Schröder
„Ich schätze es, allein zu sein. Schon in der Grundschule war ich ein Einzelgänger.“ Beruflich und privat geht Carsten ungern Risiken ein, scheut Veränderungen. „Der Trick zum Glücklichsein ist, nirgendwo hinzuwollen. Wenn alles gut läuft, werde ich immer den gleichen Job machen und niemals aus meiner Wohnung ausziehen.“ Deshalb seien auch eigene Kinder für ihn schon früh keine Option gewesen. „Wenn Freunde mir von tollen Erlebnissen mit ihren Kindern erzählen, weiß ich, dass es mir an ihrer Stelle genauso gehen würde. Ich habe aber lieber Null Vor- und Null Nachteile als 99 Vorteile und einen Nachteil.“
Spuren zu hinterlassen und sich in etwas wiederzuerkennen sei jedoch ein menschliches Bedürfnis: „Meist sind die stolzesten Eltern nicht die, deren Kind eine Eins in Mathe schreibt, sondern wenn sie in ihm ihre eigenen Verhaltensweisen wiedererkennen.“ Carsten lebt dieses Bedürfnis kreativ, in Form von Texten und Musik, aus. „Auch so kann ich etwas von mir selbst in die Welt bringen.“ Bevor er durch einen Studentenjob in der IT landete, studierte er Erziehungswissenschaften, betreute schon als Teenager den Kirchenchor und arbeitete später in einem Hort. Positiv prägen könne man Kinder schließlich auch, wenn es nicht die eigenen seien. „Ich vermisse es, mit Kindern zu arbeiten. Unfairerweise verdiene ich viel mehr als ein Erzieher. Hätte ich die gleichen Vorteile bezüglich Gehalt, Arbeitsweg und Sicherheit, würde ich sofort wieder in die Kinderbetreuung wechseln.“

Ellie, 28 Jahre aus dem Gallus © Harald Schröder
Früher wollte Ellie Kinder. „Je älter ich wurde, umso mehr hat sich meine Sicht verändert“, erklärt die Politik-Studentin. Eine Doppelbelastung wie ihre alleinerziehende Mutter, mit Berufstätigkeit und drei Kindern: für sie unvorstellbar. „Aber auch mit einem Partner hätte ich die Sorge, dass die Care-Arbeit nicht fair verteilt ist und man in die klassische Rollenverteilung verfällt.“ Mit einer Partnerin könne sie sich eher vorstellen, ein Kind großzuziehen. „Ich möchte aber selbst nicht schwanger werden, weil ich den körperlichen Prozess beängstigend finde.“ Ellies Geschwister leben in Berlin und England, ihre Mutter starb an Krebs, als sie gerade 18 war, und zu ihrem Vater hat sie kein enges Verhältnis. Deshalb ist für sie auch das fehlende familiäre Sicherheitsnetz ein Grund gegen Kinder. „Wenn das anders wäre, würde ich es vielleicht nicht mehr kategorisch ausschließen.
Es ändert aber nicht, dass ich keinen guten Grund für Kinder sehe.“ Die hohen Lebenshaltungskosten in Frankfurt sieht sie ebenfalls als Problem. „Ich wüsste ohnehin nicht, wie ich mir das mit einem Kind leisten soll.“ Mit 19 dachte Ellie das erste Mal über Sterilisation nach, im vergangenen Jahr ließ sie den Eingriff durchführen. „Nun muss ich endlich keine Angst mehr davor haben, ungewollt schwanger zu werden.“ Nach ihrem Studium würde sie gerne in der politischen Bildung arbeiten und auf diesem Wege, auch ohne eigene Kinder, ihre Werte weitergeben. >
Jeanette entschied sich schon mit 16 Jahren gegen eigene Kinder. „Ich hatte keine schöne Kindheit und große Angst, zu meinen Kindern genauso zu sein wie meine Eltern zu mir.“ Mit 30 ließ sie sich sterilisieren, um sich nicht mehr rechtfertigen und die Pille nicht mehr nehmen zu müssen. Ihr Gynäkologe bat sie damals, sich ein halbes Jahr Bedenkzeit zu nehmen. „Meine Meinung habe ich natürlich nicht geändert und den Eingriff keinen einzigen Tag bereut.“
Als ihr Bruder ein Kind bekam, genoss sie es dennoch, Patentante zu sein. Einen starken Bezug zu Kindern habe sie aber nie verspürt. Obwohl Jeanette einen Großteil ihres Berufslebens in Frankfurt verbrachte, freundete sie sich mit der Stadt nie wirklich an. „Wenn ich Eltern sehe, die sich mit einem Kinderwagen durch die Menschenmenge eines Weihnachtsmarkts quetschen, erregt das bei mir Unverständnis. Weder für Eltern noch für Kinder kann das angenehm sein.“ Wie für sie ein Leben mit Kindern verlaufen wäre, darüber machte sich Jeanette nie Gedanken. „Ich habe einfach mein Leben gelebt. Ich war immer frei und konnte tun und lassen, was ich wollte.“
26. Februar 2025, 12.36 Uhr
Johanna Wendel

Johanna Wendel
Jahrgang 1993, Technikjournalismus-Studium an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, seit Januar 2019 beim Journal Frankfurt. Mehr von Johanna
Wendel >>
Mehr Nachrichten aus dem Ressort Stadtleben

TuS Makkabi Frankfurt
Spatenstich erfolgt: Neues Sportzentrum wird gebaut
Der TuS Makkabi Frankfurt hat offiziell mit dem Bau seiner neuen Sportanlage an der Wilhelm-Epstein-Straße begonnen. Mit dem symbolischen Spatenstich nimmt das lang geplante Projekt Gestalt an.
Text: Lukas Mezler / Foto: So wird das neue TuS Makkabi-Sportzentrum aussehen © Makkabi Frankfurt

StadtlebenMeistgelesen
- Wolt MarketWolt eröffnet Online-Supermarkt in Frankfurt
- „Massif W“Neue Büroflächen im Frankfurter Bahnhofsviertel
- Verein „Stützende Hände“Ehrenamtliche Hilfe für Bedürftige in Frankfurt
- Kategorie „Barrierefreiheit“Stadt Frankfurt erweitert Mängelmelder
- Kinostarts am 13. FebruarDiese Filme starten in den Frankfurter Kinos
26. Februar 2025
Journal Tagestipps
Freie Stellen