Einige haben es vielleicht schon bemerkt. Statt lauen Wahlparolen nebst gewinnendem Lächeln zieren seit Tag eins nach der Bundestagswahl ernste, aussdrucksstarke Gesichter und eindeutige Aussagen die plötzlich nutzlos gewordenen Plakatständer an Plätzen und Straßen der Frankfurter Innenstadt. Doch wer denkt, dass das bloß praktisches Recycling ist, irrt sich. Dahinter steckt Kalkulation. Schließlich ist es nicht ganz ohne Ironie, den Liedtitel „Money makes the World go around“ aus dem Stück „Cabaret“ auf einem Plakat zu lesen, hinter dessen Rändern gerade noch das charakteristische Sonnengelb der FDP hervorblitzt. Ebenso deutlich: Der Blick einer jungen, hübschen Frau, die uns herausfordernd anstarrt. Über ihrem Kopf prangt in schwarzen Lettern „Lügen ist der größte Spaß“. Ein Schelm, wer hier eine Anspielung auf den Wahlkampf vermutet. Ein Satz aus „Einsame Menschen“ von Gerhard Hauptmann kommt recht pathetisch daher und lautet, „Eure Liebe hat mich gebrochen.“ Den könnte man wohl am ehesten auf die SPD beziehen, doch die zog bei der ganzen Aktion nicht mit.
Nur CDU, FDP und Grünen gaben dem neuen Intendant des Schauspiels Oliver Reese, von dem die Idee für diesen originellen Werbegag stammt, die offizielle Erlaubnis ihre Plakate zu überkleben. Mittlerweile herrscht aber auch über die Ablehnung der SPD Klarheit: Weder verletzter Stolz, noch Abneigung gegen Kunst und Kultur sind die Gründe, sondern schlicht und einfach Eigenbedarf. Die SPD braucht die Plakatständer für eine eigene Kampagne zum Thema „Migranten in Frankfurt“, die in den nächsten Tagen starten soll. Wie langweilig!