Bei A Hawk & A Hacksaw und Bratsch klingt der Balkan anders

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Detlef Kinsler /

Bratsch_Kinsler_0384 bühne breitBratsch auf der Burg Hayn
Viele Frankfurter machen es sich gar zu einfach. Für sie ist Shantel Synonym für die Musik vom Balkan. Bestenfalls assoziieren diese Fans damit noch vielköpfige Bläserensembles, die hier immer mal wieder in den Club oder bei Weltmusik im Palmengarten vorbei schauen. Aber es geht auch weit subtiler und vor allem individueller wie zwei Konzerte jüngst bewiesen. Zum Beispiel der Auftritt von A Hawk & A Hacksaw im Bett. Das Duo – auf der Bühne ein Quartett – kommt aus New Mexico, zugegeben weit weg von Osteuropa. Aber Jeremy Barnes und Heather Trost haben nicht nur den Balkan bereist, zum Beispiel eng mit ungarischen Musiker zusammen gearbeitet und dabei die Musik in ihrer ganzen Bandbreite zwischen Melancholie und Euphorie verinnerlicht. Natürlich nicht, um einen authentischen Balkan-Sound auf die Bühne zu bringen, sondern einen ganz eigenen, virtuosen Stil zu erfinden, in dem – kaum verwunderlich – Klezmer, Polka und Walzer auch Mariachi- und Appalachen-Folk-Injektionen erfahren und damit ganz sicher den orientalischsten Folk Amerikas sind.

Um Perfektionsdrang ist das Ganze nicht bemüht, eher um viel Spielfreude und einen Rest von Punk-Appeal. Barnes spielt nicht nur Akkordeon und singt, sondern bedient gleichzeitig noch das Schlagzeug, auch ein wenig holprig, aber durchaus charmant. Trost spielt Geige, auch eine mit Schalltrichter mit einem sehr speziellen Klang. Mit den anderen Instrumentalisten, Chris Hladowski an der Bouzouki (er blieb vergleichsweise zurückhaltend), aber vor allem mit Samuel Johnson (Trompete, Flügelhorn) und Barnes, lieferte sie sich wilde Dialoge mit Schwindel erregenden Soli, die das Publikum mitrissen. Zum Finale des Konzerte spielten die Vier mitten im Publikum und – sehr passend – auf dem Dancefloor.

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Auch Bratsch – schon oft Gäste in der Region – haben mit Balkan-Klischees nichts am Hut. Eine ihrer CD-Anthologien gab das Motto schon vor 16 Jahren aus: „Gypsy Music From The Heart Of Europe“. Das Quintett stammt aus Frankreich, aber einige Musiker haben andere Roots, Gitarrist Dan Gharibian zum Beispiel armenische, Akkordeonist François Castiello neapolitanische. Das und vieles, vieles mehr kommt in der „Folklore imaginaire" der ältesten Boyband Frankreichs zu Gehör. Bei ihrem Gastspiel in der Burg Hayn in Dreieichenhain zogen sie mal wieder alle Register ihres Könnens. Alle Musiker, neben Gharibian und Castiello Bruno Girard an Geige und Bratsche, Nano Peylet an der Klarinette und sogar der ganz im Hintergrund agierende Pierre Jacquet am Kontrabass, sind Topsolisten, aber sie klingen dabei – auch wenn einige Passagen klassisch, nein eher barock klingen – mehr nach Straße als nach Salon. Vom Typ her sind sie eher Schausteller als abgehobene Künstlertypen, als Sänger eher beseelt als perfekt, mehr Ausdruck- als Schönsänger, egal ob sie französisch, jiddisch, armenisch oder Romani singen.

Bratsch_Kinsler_0465 bühne ganz nah

Was die Musik betrifft, so lässt sich da vieles heraushören und auch hineindeuten. Der Gypsy Swing eines Django Reinhardt, griechischer Rembetiko, Klezmer, Musette. Auch Czardas und Flamenco mag man heraus hören. Und wenn sie improvisieren, sind sie – keine Frage – Jazzmusiker, gern auch mal ein wenig dissonant. Aber macht sie das gleich zu Free Jazzern wie bei Wikipedia zu lesen ist? Zwei absolute Highlights in einem an Ausrufezeichen reichem Programm waren ein armenisch gesungenes Stück voller Emotion und Tiefe, bei dem alle Fünf eine beeindruckende Chorarbeit (fast gutturale Mönchsgesänge, Obertöne inklusive) und ein altes Chanson, „Jacky“, das ich mit Brel und der Piaf in Verbindung bringe.

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Fotos: Detlef Kinsler


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