„Literatur und Zeit“ lautet das Motto des siebten LiteraTum-Festivals, bei dem nun eine Woche lang hochkarätige Autoren in 40 Veranstaltungen eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten literarischen Formen anregen.
Christoph Schröder /
Zunächst einmal ging es darum, Selbstbewusstsein zu demonstrieren: Er habe, so sagte es Kulturdezernent Felix Semmelroth, den Einwand vernommen, theoretischer Ansatz und Programm des Festivals LiteraTurm seien zu anspruchsvoll. Das sei so gewollt. Und dafür übernehme er, Semmelroth, die volle politische Verantwortung. Und auch Hubert Winkels, der Moderator der Eröffnungsveranstaltung, stellte fest, dass man sich kaum ein schwierigeres Thema habe wählen können: Bis zum 27. Mai geht es in den rund 40 Veranstaltungen um „Literatur und Zeit“, und zum Auftakt, standesgemäß im Kaisersaal des Römers (Winkels erinnerte sich ein wenig sehnsüchtig an das oberste, noch nicht fertig gestellte Stockwerk des Opernturms, in dem das Festival 2010 eröffnet wurde), wurde zumindest zu Beginn spürbar, dass es einen Moment braucht, um ein so komplexes wie weit gefasstes Thema in einen Gesprächsrahmen zu bringen. Auf dem Podium saßen die Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger, der im vergangenen Jahr seinen Lyrikband „Umstellung der Zeit“ veröffentlicht hat, und Uwe Tellkamp, dessen Roman „Der Turm“ als einer der bedeutendsten literarischen Beiträge über die DDR und deren Zerfall gefeiert wird. Der Diskurs, wie nicht anders zu erwarten, mäanderte ein wenig durch den Raum. Hans Blumenbergs Wort, dass die Zeit sich immer anhand von etwas zeige, schlug einen ersten Gesprächspfad; Uwe Tellkamp gestand, die mittlerweile legendäre Winzermütze, die er bei der Buchpreisverleihung getragen hatte, in einem Gefängnis in Kopenhagen liegen gelassen zu haben; Eva Geulen deutete die Geschichtsschreibung als rein subjektiven Faktor, als Ausdruck der Zeit, in der sie verfasst wird, und Michael Krüger konstatierte, dass Zeit in ihrem Vergehen kaum wahrgenommen werden könnte.
Im Verlauf des Abends wurde es dann ein wenig zupackender, konkreter: Welchen Wert der Roman als Zeitmesser und Berichterstatter habe? Oder, anders gesagt, die ewig junge Debatte: Wie viel Aktualität braucht Literatur, um Gegenwartsliteratur zu sein? „Das Aktuelle“, so Tellkamp, „ist genuin unliterarisch.“ Literatur könne nicht die Aufgabe haben, abzubilden, was gerade in der Welt passiere, „der Schriftsteller ist von morgen, nicht von heute.“ Geht es also nicht um ein Wirken in die Gegenwart hinein, sondern um eine Utopie? Aber auch die hat ja keine Zeit. Oder geht es darum, in der Literatur die „Signatur eines Zeitalters“ (Winkels) zu erkennen, so wie es im Roman des 19. Jahrhunderts der Fall war. Viele Fragen. Ungemein kompliziert. Nun ist eine Woche Zeit, einige Antworten zu finden. Oder, warum auch nicht, noch mehr Fragen zu produzieren.