Häusliche Gewalt befindet sich in Frankfurt nach wie vor auf einem hohen Niveau. Rund 80 Prozent der Opfer sind Frauen und die Täter im selben Anteil Männer. Abhilfe soll das Gewaltschutzkommissariat schaffen.
Sina Claßen /
Wenn Viktor Lekic am Freitagnachmittag sein Büro verlässt und es am Montagmorgen wieder betritt, sind in der Zwischenzeit circa 20 bis 30 neue Fälle häuslicher Gewalt auf seinem Schreibtisch gelandet, erklärt der Leiter der Kriminaldirektion in Frankfurt bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2024 am Donnerstag (21. März). Mit diesem Beispiel will er die abstrakten Zahlen greifbarer machen:
Vergangenes Jahr gab es in Frankfurt insgesamt 2060 Fälle häuslicher Gewalt. Bei einem Großteil der Straftaten handelte es sich um Körperverletzung (1466 Fälle), gefolgt von Bedrohung (271 Fälle), Nachstellung (93 Fälle) und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (44 Fälle).
Während die Fallzahlen im Bereich häusliche Gewalt seit 2017 kontinuierlich gestiegen sind, pendelten sie sich 2024 etwa auf dem gleichen Wert ein wie im Jahr zuvor. Dieser sei allerdings zum einen weiterhin hoch, zum anderen belaufen sich Dunkelfeldschätzungen derzeit auf mindestens 75 Prozent, da Taten sehr oft nicht angezeigt werden.
Hohes Risiko, durch einen Beziehungspartner Gewalt zu erfahren
„Häusliche Gewalt gehört zum Alltag vieler Frauen in Frankfurt und ist die häufigste Ursache von Verletzungen bei Frauen“, sagt Lekic. „Für Frauen ist das Risiko, durch einen Beziehungspartner Gewalt zu erfahren, weitaus höher, als von einem Fremden tatsächlich angegriffen zu werden. Bildung, Einkommen, Alter und Religionszugehörigkeit spielen hierbei keine Rolle“, stellt er klar. Rund 80 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind laut Kriminalstatistik Frauen und die Täter im selben Anteil Männer.
„Die häusliche Gewalt ist kein plötzlich auftretendes Familiendrama, sondern vielmehr ein Prozess immer wiederkehrender, sich teilweise steigernder Gewalt in der Familie“, sagt auch die Leiterin der Koordinierungsstelle des Gewaltschutzkommissariats, Verena Gerstendorff. „Die Folgen häuslicher Gewalt sind fatal. Sie sind sowohl akut als auch langfristig, physischer und psychischer Natur. Neben den unmittelbaren physischen Verletzungen sind Betroffene häuslicher Gewalt langfristig traumatisiert. Häusliche Gewalt findet im eigenen Zuhause statt, aber dort bleibt sie nicht. Sie verursacht nicht nur Leid für die Betroffenen, sondern sie ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“
Pilotprojekt Gewaltschutzkommissariat in Frankfurt implementiert
Aufgrund der hohen Fallzahlen im Bereich häusliche Gewalt wurde bereits vergangenen Juli die zentrale Bearbeitung der Fälle in der Kriminaldirektion im Zuge des Pilotprojekts Gewaltschutzkommissariat mit einem Gefährdungslagemanagement verbunden. Seit Februar 2025 ist dieses Vorgehen fest implementierter Teil der Polizeiarbeit. Ziel des Kommissariats ist es, Hochrisikofälle schnell und sicher zu detektieren und durch polizeiliche Maßnahmen das Risiko einer schweren Wiederholungstat zu minimieren.
Zu den Maßnahmen gehören Gefährderansprachen, Platzverweise und polizeiliche Wegweisungsverfügungen, aber auch mehrtägige Ingewahrsamnahmen oder elektronische Fußfesseln. Opfer sollen dadurch besser geschützt werden. Knapp 40 Ermittlerinnen und Ermittler sind für das Gewaltschutzkommissariat tätig und bearbeiten vorrangig Fälle häuslicher Gewalt sowie Sexualdelikte.
Info Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 Insgesamt ist für die Fallzahlen im Zuständigkeitsbereich des Frankfurter Polizeipräsidiums 2024 im Vergleich zum Vorjahr übrigens ein leichter Rückgang von 1702 (1,5 Prozent) auf 113 267 Straftaten zu verzeichnen.