Foto: Oliver Tamagnini hat die Zustände in Alt-Sachsenhausen in einem Buch dokumentiert © Bernd Kammerer
Alt-Sachsenhausen

„In der Berger Straße sind solche Zustände undenkbar“

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Im Frankfurter Partyviertel Alt-Sachs brodelt es. Eine Initiative um Oliver Tamagnini will sich „bis zur letzten Konsequenz“ für einen Wandel einsetzen. Als Vorbild könnte der Hamburger Stadtteil St. Pauli dienen.

Florian Aupor /

Die Zustände im Partyviertel Alt-Sachsenhausen sind zu einer enormen Belastung für viele Bewohner geworden. Laute Musik und Bässe rauben ihnen den Schlaf, sie fühlen sich nachts draußen nicht mehr sicher und überall wird uriniert, liegt Erbrochenes und Müll. Die Anliegerinitiative Alt-Sachenhausen ist fest entschlossen, daran etwas zu ändern, wie Oliver Tamagnini, einer ihrer Hauptinitiatoren, in einem Gespräch mit dem JOURNAL unterstreicht. Er selbst wohnt seit über zehn Jahren im Viertel und sagt: „Es ist einfach zu viel geworden.“

Die Lärmbelastung sei „das zentrale Problem“ und habe ein „gesundheitsgefährdendes Ausmaß erreicht“, das nicht länger hinnehmbar sei. Diese gehe vor allem von einigen wenigen Gastronomen aus und fühle sich an, „wie eine parallele Beschallung mehrerer Rockkonzert bis 5 Uhr morgens“. Schlafen sei an Wochenenden teils unmöglich geworden. Die negative Entwicklung der letzten Jahre würde dabei vor allem von einigen wenigen „Gastronomen mit zweifelhaften Geschäftskonzepten“ vorangetrieben, die sich „respektlos“ verhielten und denen die Behörden klarer zeigen müssten, dass sie „Gaststätten und keine Clubs“ sind.

Tamagnini: Stadt Frankfurt hat „keine intrinsische Motivation“, die Ursachen der Probleme anzugehen

Tamagnini hat über die Zustände bereits persönlich mit OB Mike Josef (SPD) gesprochen und bewertet diesen Austauschs sehr positiv. Josef habe sich der Thematik glaubhaft angenommen, die Initiative fühlt sich von ihm verstanden und ernstgenommen. Trotzdem müsse man den Behörden und der Stadt insgesamt den Vorwurf machen, „keine intrinsische Motivation“ zu besitzen, etwas gegen die Ursachen der Probleme zu unternehmen. Dass Josef sich der Problematik annehmen wolle, helfe deshalb enorm und erzeuge die Hoffnung, dass sich zum ersten Mal seit Jahren etwas bewegen könnte.

Grob geschätzt könne man sagen, dass an einem Drittel der Tage im Jahr übermäßige Lärmbelästigung bestehe. Die Anwohner fühlten sich von den Behörden im Stich gelassen, weil Lärmbeschwerden oft ins Leere liefen. Tamagnini sieht hier „dringenden Nachbesserungsbedarf“. Ein Problem sei, dass die im Viertel anwesenden Beamten der Landespolizei angehörten, die allerdings nicht für Lärmbeschwerden zuständig sei. Das zuständige Ordnungsamt wiederum sei unterbesetzt, es verfüge nachts „über nur zwei Fahrzeuge für das gesamte Stadtgebiet“.

Tamagnini: „Viertel leidet unter Broken-Window-Phänomen“

Aus der Sicht von Tamagnini bedingen und verstärken sich die negativen Entwicklungen im Viertel gegenseitig. Es komme „ein Stein zum anderen“, das „Viertel leidet unter dem Broken-Window-Phänomen“, stellt er fest. Dieses besagt, dass sich der Verwahrlosungsprozess in Stadtvierteln durch Verfall und Kriminalität selbst beschleunigt, wenn erst einmal das erste Fenster zerbrochen ist und nicht repariert wird. Eine Negativspirale entsteht, aus der es immer schwieriger wird herauszukommen.

Die Stadt gehe nicht konsequent genug gegen die schlechte Entwicklung vor, geltendes Recht werde nicht durchgesetzt, wie es in anderen Stadteilen der Fall sei: „In der Berger Straße oder Leipziger Straße sind solche Zustände undenkbar“, stellt Tamagnini heraus und fordert von den Behörden „Gleichbehandlung“. In Alt-Sachsenhausen hätten Gastwirte größere Freiheiten, es würde öfter mal ein Auge zugedrückt. Die Vermüllung etwa gehe „auch von Gastronomen aus“, von denen manche erkennbar ihren Verpackungsmüll auf der Straße entsorgten. Dabei handle es sich aber nur um einige wenige schwarze Schafe, denn viele andere Gewerbetreibende litten selbst unter der Situation, unterstützen die Ziele der Initiative und verhielten sich kooperativ.

St. Pauli als Vorbild für Alt-Sachs

Im Hamburger Stadtteil St. Pauli gibt es seit 2009 ein Glasflaschenverbot, das Freitag, Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen von 22 bis 6 Uhr gilt. Verstöße dagegen können ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro nach sich ziehen. Eine solch konsequente Regelung wünscht sich Tamagnini auch für Sachsenhausen. Gerade , weil Glasflaschen als Waffen benutzt werden könnten und seit Anfang dieses Jahres im Viertel das Führen von Waffen und Messern verboten ist.

Tamagnini und die Initiative sind fest entschlossen, die negative Entwicklung im Viertel aufzuhalten und bereit, notfalls „bis zur letzten Konsequenz“ zu gehen. Damit wolle man den Druck auf die politischen Akteure vor der Kommunalwahl im nächsten Jahr erhöhen. Sollte keine Besserung eintreten, sei in letzter Konsequenz sogar eine rechtliche Auseinandersetzung mit der Stadt denkbar.

Info
Die Webseite der Anliegerinitiative Alt-Sachsenhausen finden Sie hier.

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