Vor 25 Jahren schrieb Michi Herl in seiner Kolumne noch „Lacht sie aus der Stadt!“ beim Anblick einer Nazi-Demo vor dem Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Seitdem hat sich einiges verändert.
Michi Herl /
Wir haben gelacht! Was haben wir gelacht! Es war ja auch lächerlich, dieses Bild, was sich uns da bot. Knapp eintausend armselige Gestalten trotteten an uns vorüber und gaben an, die Welt retten zu wollen. Viele hatten ihre Köpfe kahl geschoren, als wären sie einem Lausangriff anheimgefallen. Junge Männer, alle mit tumbem, stierem Blick, auch einige Mädels, Typ Boxenluder für ganz Arme. Viele der Glatzköpfe waren gekleidet, als kämen sie gerade von einem Survivaltraining im Odenwald oder aus einem Dschungelcamp eines kostenlosen Anzeigenblatts. Einige wenige trugen ihre Sonntagsanzüge aus dem Neckermann-Katalog 1957.
Sie waren alt. Sehr alt. Sie tapsten mit wie desorientierte Greise auf dem Flur der geschlossenen Geriatrie einer psychiatrischen Anstalt. Doch sie galten als Helden. Sie trugen schwer an einer Vielzahl bunter Orden, die sie an ihre schmächtigen Brüste geheftet hatten. Eiserne Kreuze, Ritterkreuze, Goldenes Eisenlaub mit Schwertern und ähnlicher Tand. Sobald einer der untoten Militariasammler vorbeigewackelt kam, fühlten wir uns an den Rosenmontag erinnert und stimmten den Narrhallamarsch an. Ufftata.
„Lacht sie aus der Stadt!“ – das war einmal
Das alles begab sich vor etwa 25 Jahren auf der Bertramswiese vor dem Hessischen Rundfunk. Das Gelände war „weiträumig abgesperrt“, wie es im Polizeisprech so schön heißt. Doch es gab Schlupflöcherchen. Freund Micky etwa trat an die Polizeikette und sagte „Guten Tag, ich bin Nazi und möchte zur Demo“ – und wurde prompt durchgelassen. So standen wir als Häuflein von etwa 100 Gegendemonstranten direkt neben dem Versammlungsort und konnten prima schimpfen oder auch lachen.
Mir erschien das als probates Mittel. Also hatte ich in meiner Kolumne im JOURNAL FRANKFURT (ja, ja, so lange gibt es die schon) „Lacht sie aus der Stadt!“ geschrieben. In der Tat nahm sie niemand ernst, und es gab auch keinen wirklichen Grund dazu. Dass es einmal so kommen würde, wie es kam, hielten wie in unseren schlimmsten Alpträumen nicht für möglich. Sie haben keine Glatzen mehr und keine Baseballschläger. Sie sitzen in Parlamenten und mitten unter uns. Man kann nur immer wieder mahnen: Nie wieder ist jetzt! Mehr fällt mir dazu nicht ein.