In ihrer letzten Ausstellung vor dem Umzug beschäftigt sich die Schirn Kunsthalle Frankfurt mit den Grenzen zwischen Natur und Künstlichkeit.
Jasmin Schülke /
Rot, grün, blau – die Sonne fällt durch die mit bunter Folie verkleideten Fenster des Ausstellungsraums. Die Verstrebungen der Fenster zaubern ein rasterartiges Muster auf den Boden und werden zu Makroversionen in den für digitale Bilder typischen Farbfilteranordnungen. Es ist eine gute Idee gewesen, den Raum der Schirn zum Licht zu öffnen. Nach der Hans Haacke Ausstellung ist dies nun zum zweiten Mal der Fall.
Das Licht wird zum Gestaltungselement, das halbrunde Fenster ist nach Süden ausgerichtet und lässt das Innere des Raums an diesem sonnigen Frühlingstag erleuchten, als sitze man in einem Kaleidoskop. Die Wahrnehmung der Innenwelt verändert sich. Quer im Raum steht ein riesiger Screen, auf dem der computeranimierte Film „Buenavista“ zu sehen ist. Dies ist auch der Titel der Ausstellung des Künstlerinnenkollektivs Troika, das in London lebt und arbeitet. Troika wurde 2003 von Eva Rucki, Conny Freyer und Sebastien Noel gegründet.
„Buenavista“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt: Wann wird die Natur zur Natur?
Die großformatige Videoarbeit zeigt eine sich fortlaufend verändernde Panoramalandschaft. Die Szenerien wechseln mit rasender Geschwindigkeit: Palmen, Berge, Meer, Steppe. Im Vordergrund ist eine Gestalt mit langen braunen Haaren zu sehen, die entfernt an Chewbacca (aber ohne Gesicht) erinnert. Die Figur wirbelt umher wie ein Derwisch, während die Bilderflut über den Screen flimmert. Können animierte Wesen die Schönheit (der Landschaft) empfinden? „Sind wir als Menschen die einzigen intelligenten Wesen?“, fragt Sebastian Baden, Direktor der Schirn Kunsthalle.
Begleitet wird der Film von der Soundinstallation „I Am a River“, die von einem Sufi-Mystiker aus dem 13. Jahrhundert inspiriert ist. Das Kreisen, das Licht, die Musik versetzen den Betrachter in einen meditativen Zustand. Er gibt sich der Bilderflut und Musik hin, bis diese nach acht Minuten abrupt endet. Was macht einen Menschen zum Menschen? Um diese philosophische Frage drehte sich der Film „Blade Runner“. Und so könnte man hier fragen: Wann wird die Natur zur Natur? Disteln auf einem Steinhaufen bewegen sich auf unnatürlich lebendige Weise. Ihre Blätter zucken, die Blütenköpfe ruckeln. „Anima Atman“ spielt mit unserer Wahrnehmung. Stroboskop-Licht lässt an der eigenen Wahrnehmung zweifeln und fordert unsere Sinne heraus.
Hannah: „Früher musste man in der Morgendämmerung einen Berg besteigen, um eine ‚schöne Aussicht‘ zu genießen“
In ihren Werken überschreitet Troika Grenzen. Sie untersuchen die Trennlinien zwischen Natur und Künstlichkeit und ergründen, wie neue Technologien, wie etwa die Künstliche Intelligenz, die Beziehung des Menschen zur Welt beeinflussen. Wie verändert sich die Wahrnehmung der Menschen zur Natur, wenn Naturdarstellungen vermehrt durch Medien erfolgen? Ist es nicht ein Widerspruch, wenn die Sehnsucht zur reinen Natur immer größer wird, diese aber immer weniger selbst erlebt wird? „Früher musste man in der Morgendämmerung aufstehen und einen Berg besteigen und in die Welt eintauchen, um eine ‚schöne Aussicht‘ zu genießen. Heute werden solche Bilder in einem ständigen Strom von Verlockungen in unsere Telefone und Computer gespeist“, sagt Dehlia Hannah, Kuratorin der Ausstellung.
Info Die Ausstellung „Buenavista“ ist bis zum 21. April in der Schirn zu sehen. Am 30. April gibt es eine große Abschlussparty, bevor sich die Türen schließen. Ab September ist die Kunsthalle in ihrem Interimsquartier, der ehemaligen Dondorf Druckerei, zu finden. Weitere Infos: www.schirn.de