Foto: Trubel beim Fastnachtsumzug am Samstag in Frankfurt © Bernd Kammerer
Rosenmontag in Frankfurt

„Lasst mich bei der Fastnacht bitte aus dem Spiel“

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Kurz vor Ausbruch der närrischen Zeit beschleicht unseren Autoren immer ein Beklemmungsgefühl. Deshalb hat er eine Exit-Strategie entwickelt. Welche das ist, erfahren Sie hier.

Christoph Schröder /

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jeder soll seinen Spaß haben. Und zwar genau so, wie es ihm, ihr oder them gefällt. Nur: Ich muss ja nicht mitmachen, oder? Ich bin kein schlechterer Mensch und auch kein Spielverderber, wenn ich sage: Lasst mich doch bei der Fastnacht bitte ganz einfach aus dem Spiel. Geht raus, verkleidet Euch, geht Euch betrinken, kotzt mir vor die Haustür, knutscht mit Fremden. Macht all das, nur bitte ohne mich.

Dazu muss ich sagen, dass ich in Sachen Fastnacht langzeitgeschädigt bin, denn ich bin in Mainz zur Schule gegangen. Viele meiner Lehrer waren begeisterte Fastnachter und fuhren am Rosenmontag auf den Umzugswagen mit. Einige meiner Mitschüler sehe ich heute in den sozialen Medien irgendwo als Fastnachtsredner in der Bütt. So mag es sein. Studiert habe ich da auch noch, in Mainz. Das spricht dafür, dass ich eine extrem große Sympathie für die Freundlichkeit, die Lebens- und Genussfreudigkeit dieses katholisch geprägten Milieus habe.

Keine Lust auf Fastnacht in Frankfurt und Umgebung? Ab nach Wiesbaden!

Aber stets kurz vor Ausbruch der närrischen Zeit beschlich mich immer ein Beklemmungsgefühl. Als junger Mensch ist man ja auch nicht sehr resistent gegen den Gruppenzwang. Wenn in Mainz Rosenmontag war, wurde eben gefeiert. So war es, so ist es, so möge es von mir aus immer bleiben. Aber ich kann das nicht. Und bitte verstehen Sie diesen Text auch als Empowerment für ihre eigene Melancholie: Sie müssen nicht ausgelassen sein, schon gar nicht auf Knopfdruck.

Ich habe irgendwann eine so genannte Exit-Strategie entwickelt, und die hieß: Wiesbaden. Wissen Sie, wie herrlich es ist, an einem Rosenmontag durch die menschenleere Wiesbadener Innenstadt zu laufen? Oder, noch besser: Sie nehmen den Zug in Richtung Rheingau, steigen in Oestrich oder Geisenheim aus und fangen an zu gehen. Durch die Weinberge, immer nach oben, kommen irgendwann in Johannisberg an und blicken von der Aussichtsterrasse des Schlosses hinunter auf den Rhein. Ein Glas Riesling in der Hand. Besser hat sich Ernst Jünger in Paris seinerzeit auch nicht gefühlt; da bin ich ganz sicher.

Einen Tipp hätte ich noch dazu: Carl Zuckmayer veröffentlichte 1959 seine Erzählung „Die Fastnachtsbeichte“, die ein Jahr später mit dem jungen Götz George in der Hauptrolle verfilmt wurde. Das ist ein sehr anrührender und schöner Film. Wenn Sie im kommenden Jahr nicht wissen, was Sie so machen sollen über die wilden Tage.

Christoph Schröder
Christoph Schröder
Christoph Schröder studierte in Mainz Germanistik, Komparatistik und Philosophie. Seine Interessensschwerpunkte liegen auf der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und dem Literaturbetrieb. Er ist Dozent für Literaturkritik an der Goethe-Universität Frankfurt.
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