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Arche Frankfurt warnt
„Eine weitere Überforderung für unser gesellschaftliches Zusammenhalten“
Daniel Schröder von der Arche Frankfurt kritisiert im Interview, dass in den Wahlprogrammen die Zukunft der Kinder zu wenig Berücksichtigung findet und weist auf die Probleme bei der Integration hin.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Schröder, Ihre Organisation hat sich vor einigen Tagen an die Öffentlichkeit gewandt, dass Ihnen das Wasser bis zum Hals stehe. Was ist los?
Daniel Schröder: Wir wollen als Arche darauf aufmerksam machen, dass wir momentan sehr gefragt und nachgefragt sind und dass wir – wie auch in der Vergangenheit immer wieder – das Gefühl haben, dass gesellschaftliche Missstände und Missstände in unserem Bildungs- und Sozialsystem in Einrichtungen wie der Arche zusammenkommen und auflaufen. Die Politik und die Gesellschaft müssen verstehen, dass wir hier ein größeres Problem haben, das nicht alleine durch spendenfinanzierte Nichtregierungsorganisationen gelöst werden kann. Deshalb haben wir uns an die Öffentlichkeit gewandt.
Sie kritisieren, dass wir unglaublich große Schwierigkeiten in Deutschland zu bewältigen hätten, aber keine Partei diese im Wahlprogramm ernsthaft behandele. Was meinen Sie damit konkret?
Wir sagen ganz klar, dass die Zukunft unserer Kinder nicht genügend Raum findet in der Frage, was Deutschland braucht, um zukunftsfähiger zu werden. Wir haben in unserem Land wenig bis keine Rohstoffe – das heißt, unser Potenzial liegt in den Menschen. Wenn wir unser Bildungssystem verkümmern lassen und uns nicht um die zunehmend auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich kümmern, schauen wir sehr pessimistisch in die Zukunft, weil die Probleme immer weiter zunehmen werden und dies von keiner Partei zukunftsorientiert ausgedrückt wird. Man hat das Gefühl, es geht nur um das Überleben der Partei und Klientelvorschläge, die ernsthaft diskutiert werden.
Fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kindern und Jugendlichen in Frankfurt
Einige Parteien fordern den Nachzug von Familienangehörigen auch für illegal in Deutschland lebende Geflüchtete. Was würde das bedeuten?
Das würde für uns in Deutschland bedeuten, dass wir sehr viel mehr Wohnraum bräuchten, um diesen Menschen eine adäquate Unterkunft zu geben, wenn wir nicht wollen, dass die bereits stark frequentierten Flüchtlingsheime weiterhin überbelegt werden oder gegebenenfalls Turnhallen wieder für solche Familien genutzt werden. Gleichzeitig gibt es zu wenig Kita-Plätze und zu wenig Schulplätze, um diesen Kindern eine wirkliche Integration zu geben. Daher halten wir das für eine weitere Überforderung für unser gesellschaftliches Zusammenhalten und würde die gesellschaftlichen Spannungen sicherlich nochmal weiter erhöhen.
Sie sprachen die Welle der Obdachlosigkeit an, zudem fehlende Betreuungsmöglichkeiten. Wie kommen diese Probleme bei Ihnen als Hilfsorganisation an?
Durch sehr volle Archen und durch mittlerweile auch begrenzte Kapazitäten, um noch weitere Kinder aufnehmen zu können. Wir haben eine unglaubliche Nachfrage in vielen unserer Archen, um vor allem die fehlenden Betreuungsplätze abzudecken. Das ist ein großes Problem, auch mittlerweile nicht mehr allen Kindern und Jugendlichen so begegnen zu können, die gerne Hilfe und Unterstützung haben möchten. Was absolut demotivierend ist für die Kinder und Jugendlichen selbst, wenn sie gefühlt nach Hilfe fragen, aber dann aufgrund von Kapazitätsgründen diese Hilfe nicht bekommen können. Das gibt ihnen das Gefühl, dass sie in unserer Gesellschaft nicht wichtig sind.
„Die gestiegenen Lebensmittelpreise machen weiterhin den Familien sehr viel Sorgen“
Wie ist die Lage in Frankfurt? Gibt es hier Unterschiede zu anderen Kommunen?
Die Einblicke in Frankfurt fokussieren sich für uns stark auf die Bereiche der Nordweststadt sowie Frankfurt-Griesheim, in denen wir als Arche vor Ort tätig sind. Hier stellen wir einen erhöhten Bedarf, eine erhöhte Nachfrage, in unseren Archen fest. Wir können im Moment nicht alle Kinder aufnehmen, die gerne in die Arche kommen würden – das ist ein großes Problem, denn diese Kinder bedürfen der Unterstützung. Ebenso ist der Hilfebedarf von vielen Kindern und Jugendlichen gewachsen, das heißt, die gestiegenen Lebensmittelpreise machen weiterhin den Familien sehr viel Sorgen.
Die Essenszahlen in der Arche steigen permanent, sowie der Wunsch nach Unterstützung im Bereich von Hausaufgaben und Lernförderung. Wir brauchen immer mehr 1:1-Hilfen für Kinder, da sie oft aufgrund ihrer fehlenden sozialen Kompetenzen gar nicht mehr anders angesprochen und unterstützt werden können. Dies kann auch nur bedingt durch Ehrenamtliche geleistet werden. Daher gibt es an allen Ecken und Enden einen großen Bedarf.
„Es braucht ein gesellschaftliches Zusammenrücken“ in Frankfurt
Sie haben Befürchtungen, dass die Zukunft unserer Gesellschaft ins Wanken gerät, wenn wir nicht besser zusammenarbeiten. Was muss getan werden? Was kann jede und jeder Einzelne tun?
Ich glaube, in erster Linie geht es um ein realistisches Bild, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt und dass wir beginnen, darüber sachlich und trotzdem in aller Klarheit zu sprechen. Es braucht ein gesellschaftliches Zusammenrücken, ein Engagieren von Firmen, von Einzelpersonen und nicht zuletzt der Politik und der örtlichen Kommunen, um mehr speziell für diese Kinder und Jugendlichen zu tun, die irgendwo am Rande unserer Gesellschaft stehen.
Es braucht Ehrenamt, es braucht viel Perspektive für Jugendliche, die keine Vorstellung davon haben, welchen Beruf sie lernen sollen. Dadurch, dass die Probleme vielfältig sind und mehrdimensional, kann es keine einfachen Lösungen geben. Im Kern braucht es aus meiner Sicht Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen – für diese Kinder und diese Jugendlichen – und die sich nach einer individuellen und persönlichen Lösung für jedes Kind, für jeden Jugendlichen auf die Suche begeben.
„Eine Diskussion bringt nur voran, wenn sie auch Lösungsansätze liefert“
Sie betonen ausdrücklich, dass das kein Appell an die Extremisten in dieser Gesellschaft ist, sondern an die bürgerliche Mitte. Wie könnte eine Abgrenzung zu den Extremisten gelingen, die diese Diskussionen kapern?
Ein ganz klares Signal von uns als Arche ist, dass wir jeden Tag dafür arbeiten, um wirkliche Lösungen für diese Kinder, Jugendlichen und Familien zu finden. Aus meiner Sicht orientiert sich die Diskussion der Extremisten nicht an Lösungen, sondern an reinen Problembeschreibungen, die spalten und unsere Gesellschaft auseinanderreißen. Ich denke, dass die Frage immer wieder sein muss, was wirkliche Ideen und Lösungsansätze sind, wie wir in der Schule, in der Kita, im Familienzentrum, in der Arche am Nachmittag, in der Familie, Lösungen finden für die drängenden Probleme, die vor Ort herrschen. Eine Diskussion bringt nur voran, wenn sie auch Lösungsansätze liefert.
Info
Zur Person: Daniel Schröder ist Regionalleiter der Arche Frankfurt. Er ist 44 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder im Altern von 13 und 15 Jahren. 2010 startete er mit einem Team die erste Frankfurter Arche in Griesheim. Mittlerweile gibt es vier Archen in der Stadt, die täglich bis zu 650 Kinder und Jugendliche erreichen.
Bundesweit sind es 32 Standorte, an denen über 6000 Kinder und Jugendliche erreicht werden. Gegründet wurde das Kinderprojekt „Die Arche“ auf Initiative von Pastor Bernd Siggelkow 1995 in Berlin-Hellersdorf. Die Organisation kämpft gegen Kinderarmut und setzt sich insbesondere für Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen ein.
Daniel Schröder: Wir wollen als Arche darauf aufmerksam machen, dass wir momentan sehr gefragt und nachgefragt sind und dass wir – wie auch in der Vergangenheit immer wieder – das Gefühl haben, dass gesellschaftliche Missstände und Missstände in unserem Bildungs- und Sozialsystem in Einrichtungen wie der Arche zusammenkommen und auflaufen. Die Politik und die Gesellschaft müssen verstehen, dass wir hier ein größeres Problem haben, das nicht alleine durch spendenfinanzierte Nichtregierungsorganisationen gelöst werden kann. Deshalb haben wir uns an die Öffentlichkeit gewandt.
Sie kritisieren, dass wir unglaublich große Schwierigkeiten in Deutschland zu bewältigen hätten, aber keine Partei diese im Wahlprogramm ernsthaft behandele. Was meinen Sie damit konkret?
Wir sagen ganz klar, dass die Zukunft unserer Kinder nicht genügend Raum findet in der Frage, was Deutschland braucht, um zukunftsfähiger zu werden. Wir haben in unserem Land wenig bis keine Rohstoffe – das heißt, unser Potenzial liegt in den Menschen. Wenn wir unser Bildungssystem verkümmern lassen und uns nicht um die zunehmend auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich kümmern, schauen wir sehr pessimistisch in die Zukunft, weil die Probleme immer weiter zunehmen werden und dies von keiner Partei zukunftsorientiert ausgedrückt wird. Man hat das Gefühl, es geht nur um das Überleben der Partei und Klientelvorschläge, die ernsthaft diskutiert werden.
Einige Parteien fordern den Nachzug von Familienangehörigen auch für illegal in Deutschland lebende Geflüchtete. Was würde das bedeuten?
Das würde für uns in Deutschland bedeuten, dass wir sehr viel mehr Wohnraum bräuchten, um diesen Menschen eine adäquate Unterkunft zu geben, wenn wir nicht wollen, dass die bereits stark frequentierten Flüchtlingsheime weiterhin überbelegt werden oder gegebenenfalls Turnhallen wieder für solche Familien genutzt werden. Gleichzeitig gibt es zu wenig Kita-Plätze und zu wenig Schulplätze, um diesen Kindern eine wirkliche Integration zu geben. Daher halten wir das für eine weitere Überforderung für unser gesellschaftliches Zusammenhalten und würde die gesellschaftlichen Spannungen sicherlich nochmal weiter erhöhen.
Sie sprachen die Welle der Obdachlosigkeit an, zudem fehlende Betreuungsmöglichkeiten. Wie kommen diese Probleme bei Ihnen als Hilfsorganisation an?
Durch sehr volle Archen und durch mittlerweile auch begrenzte Kapazitäten, um noch weitere Kinder aufnehmen zu können. Wir haben eine unglaubliche Nachfrage in vielen unserer Archen, um vor allem die fehlenden Betreuungsplätze abzudecken. Das ist ein großes Problem, auch mittlerweile nicht mehr allen Kindern und Jugendlichen so begegnen zu können, die gerne Hilfe und Unterstützung haben möchten. Was absolut demotivierend ist für die Kinder und Jugendlichen selbst, wenn sie gefühlt nach Hilfe fragen, aber dann aufgrund von Kapazitätsgründen diese Hilfe nicht bekommen können. Das gibt ihnen das Gefühl, dass sie in unserer Gesellschaft nicht wichtig sind.
Wie ist die Lage in Frankfurt? Gibt es hier Unterschiede zu anderen Kommunen?
Die Einblicke in Frankfurt fokussieren sich für uns stark auf die Bereiche der Nordweststadt sowie Frankfurt-Griesheim, in denen wir als Arche vor Ort tätig sind. Hier stellen wir einen erhöhten Bedarf, eine erhöhte Nachfrage, in unseren Archen fest. Wir können im Moment nicht alle Kinder aufnehmen, die gerne in die Arche kommen würden – das ist ein großes Problem, denn diese Kinder bedürfen der Unterstützung. Ebenso ist der Hilfebedarf von vielen Kindern und Jugendlichen gewachsen, das heißt, die gestiegenen Lebensmittelpreise machen weiterhin den Familien sehr viel Sorgen.
Die Essenszahlen in der Arche steigen permanent, sowie der Wunsch nach Unterstützung im Bereich von Hausaufgaben und Lernförderung. Wir brauchen immer mehr 1:1-Hilfen für Kinder, da sie oft aufgrund ihrer fehlenden sozialen Kompetenzen gar nicht mehr anders angesprochen und unterstützt werden können. Dies kann auch nur bedingt durch Ehrenamtliche geleistet werden. Daher gibt es an allen Ecken und Enden einen großen Bedarf.
Sie haben Befürchtungen, dass die Zukunft unserer Gesellschaft ins Wanken gerät, wenn wir nicht besser zusammenarbeiten. Was muss getan werden? Was kann jede und jeder Einzelne tun?
Ich glaube, in erster Linie geht es um ein realistisches Bild, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt und dass wir beginnen, darüber sachlich und trotzdem in aller Klarheit zu sprechen. Es braucht ein gesellschaftliches Zusammenrücken, ein Engagieren von Firmen, von Einzelpersonen und nicht zuletzt der Politik und der örtlichen Kommunen, um mehr speziell für diese Kinder und Jugendlichen zu tun, die irgendwo am Rande unserer Gesellschaft stehen.
Es braucht Ehrenamt, es braucht viel Perspektive für Jugendliche, die keine Vorstellung davon haben, welchen Beruf sie lernen sollen. Dadurch, dass die Probleme vielfältig sind und mehrdimensional, kann es keine einfachen Lösungen geben. Im Kern braucht es aus meiner Sicht Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen – für diese Kinder und diese Jugendlichen – und die sich nach einer individuellen und persönlichen Lösung für jedes Kind, für jeden Jugendlichen auf die Suche begeben.
Sie betonen ausdrücklich, dass das kein Appell an die Extremisten in dieser Gesellschaft ist, sondern an die bürgerliche Mitte. Wie könnte eine Abgrenzung zu den Extremisten gelingen, die diese Diskussionen kapern?
Ein ganz klares Signal von uns als Arche ist, dass wir jeden Tag dafür arbeiten, um wirkliche Lösungen für diese Kinder, Jugendlichen und Familien zu finden. Aus meiner Sicht orientiert sich die Diskussion der Extremisten nicht an Lösungen, sondern an reinen Problembeschreibungen, die spalten und unsere Gesellschaft auseinanderreißen. Ich denke, dass die Frage immer wieder sein muss, was wirkliche Ideen und Lösungsansätze sind, wie wir in der Schule, in der Kita, im Familienzentrum, in der Arche am Nachmittag, in der Familie, Lösungen finden für die drängenden Probleme, die vor Ort herrschen. Eine Diskussion bringt nur voran, wenn sie auch Lösungsansätze liefert.
Zur Person: Daniel Schröder ist Regionalleiter der Arche Frankfurt. Er ist 44 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder im Altern von 13 und 15 Jahren. 2010 startete er mit einem Team die erste Frankfurter Arche in Griesheim. Mittlerweile gibt es vier Archen in der Stadt, die täglich bis zu 650 Kinder und Jugendliche erreichen.
Bundesweit sind es 32 Standorte, an denen über 6000 Kinder und Jugendliche erreicht werden. Gegründet wurde das Kinderprojekt „Die Arche“ auf Initiative von Pastor Bernd Siggelkow 1995 in Berlin-Hellersdorf. Die Organisation kämpft gegen Kinderarmut und setzt sich insbesondere für Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen ein.
19. Februar 2025, 10.40 Uhr
Jasmin Schülke

Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. Mehr von Jasmin
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28. März 2025
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