Durch Mord zur höchsten Macht: Das Staatstheater Darmstadt inszeniert an zwei Tagen im Oktober Shakespeares Tyrannen-Drama Macbeth. Die Inszenierung bietet Raum für politische und psychologische Ausdeutungen.
Julian Mackenthun /
Es geht um das Böse im Menschen. Als Feldherr hat Macbeth alles erreicht, Schottland immer wieder zu Siegen auf dem Schlachtfeld geführt. Doch als drei Hexen ihm prophezeien, er könne noch mehr erreichen, schottischer König werden, mordet sich Macbeth tatsächlich bis auf den Königsthron. Gemeinsam mit seiner Frau Lady Macbeth steigert er sich in einen kalten Machtrausch und tötet jeden, der sich ihnen in den Weg stellt.
So wird Macbeth zu einem Tyrannenherrscher und regiert das schottische Königreich als seinen Terrorstaat. Er selbst lässt damit die Prophezeiung wahr werden, die ihm die drei Hexen anfangs gemacht haben: Zum König wird Macbeth, indem er sich selbst zum König macht. In seiner Figur zeigt sich damit ein Böses, das nicht von außen in den Menschen dringt – kein Dämon und keine Besessenheit –, sondern ein Böses, das im Menschen selbst steckt und aus ihm heraus dringt.
So muss der Mensch sich letztlich vom Bösen in sich selbst befreien
Mit diesem Grundgedanken nutzt das Staatstheater Darmstadt William Shakespeares düsteren Antihelden sowie seine ebenso blutrünstige Gattin, um anhand des Dramas das Böse im Menschen zu untersuchen. Schon die drei Hexen vom Anfang treten in der Inszenierung als bieder-normale Alltagsfiguren auf, die genauso auch im Publikum sitzen könnten. Sie bringen den bösen Plan zum ersten Mal in die Hauptfigur, in der er nun heranreift.
Und von diesem Bösen befreit den Menschen auch der göttliche Himmel in der Inszenierung nicht mehr. Denn statt eines offenen Himmels hängt hier ein breiter Spiegel über der Bühne, verändert immer wieder seinen Winkel und reflektiert lediglich, was unter ihm geschieht. So muss der Mensch sich letztlich selbst befreien, nicht nur vom bösen Macbeth und seiner Frau, sondern auch vom Bösen in sich selbst. Die Inszenierung des Staatstheaters Darmstadt bietet damit Raum für politische und psychologische Ausdeutungen – vielleicht gehören diese ohnehin zusammen.
Julian Mackenthun, geboren 1993, studierte Englisch und Geschichte an der Goethe-Universität. Seit 2020 leitet er das Theater-Ressort des Journal Frankfurt.