Nach „Werwolfkommandos“ präsentiert Marie Schwesinger ein neues dokumentarisches Theaterstück – zu den Drohschreiben des sogenannten „NSU 2.0“, der rechtsextremen Frankfurter Polizei-Chatgruppe und der gescheiterten Aufarbeitung.
Julian Mackenthun /
Am Ende stehen ein Einzeltäter und Dutzende Fragezeichen. Hat der Berliner Alexander M. alle Drohschreiben, die mit „NSU 2.0“ unterschrieben waren, ganz allein verfasst? Wie ist er an die Post- und E-Mail-Adressen der bedrohten Anwältinnen, Politikerinnen, Fernsehmoderatoren und Presseleute gekommen? Hat er sich wirklich als ein Polizeikollege ausgeben können, um die Daten telefonisch abzufragen? Was ist mit der Frankfurter Polizeibeamtin, über deren Computerzugang minutenlang entsprechende Personendaten gesucht wurden? Und was ist mit der rechtsextremen Chatgruppe, in der sie und mehrere Kollegen geschmacklose bis radikale Inhalte austauschten?
Was ist mit der rechtsextremen Chatgruppe, in der sie und mehrere Kollegen geschmacklose bis radikale Inhalte austauschten?
Diesen und weiteren Fragen widmet sich Marie Schwesingers dokumentarisches Theaterstück „Innere Sicherheit“. Verhandlungsprotokolle, Interviewmitschnitte, eingespielte und gesprochene Zitate sowie durchgespielte Abläufe bilden dabei die Grundlage. Sie werfen Fragen auf, legen Fragwürdigkeiten offen und zeigen nicht zuletzt das Leid der in den Schreiben Bedrohten. An einer der eindrücklichsten Stellen fragt das dreiköpfige Ensemble seine Zuschauer: Nehmen Sie immer denselben Weg zur Arbeit? Achten Sie darauf, ob Ihnen Gesichter wiederbegegnen? Bekommen Sie manchmal Anrufe und wissen nicht, wer dran ist?
Am Ende entlässt „Innere Sicherheit“ sein Publikum mit keinem Sicherheitsgefühl
Dass hier alles fundiert recherchiert wurde, wird deutlich, ohne aufdringlich zu wirken. Doch daneben bietet das Stück noch etwas anderes Entscheidendes: Es hat auch einen künstlerischen Wert. Andreas Jahncke, Sam Michelson und Nora Solcher spielen eindringlich und eindrücklich, zwischen investigativem Tunnelblick und erstem Überarbeitungskopfschmerz. Allein die Falschbetonung mancher Textpassagen sowie geschickt gesetzte Sprechpausen lassen hintergründige Bedeutungsverschiebungen entstehen. Am Ende entlässt „Innere Sicherheit“ sein Publikum mit keinem Sicherheitsgefühl. Stattdessen bleibt die sorgenvolle Aussicht, dass bei allen Fragezeichen, die geblieben sind, schon bald ein nächster sogenannter Einzeltäter die innere Sicherheitbedrohen könnte.
Julian Mackenthun, geboren 1993, studierte Englisch und Geschichte an der Goethe-Universität. Seit 2020 leitet er das Theater-Ressort des Journal Frankfurt.