Am Mittwoch begann der Prozess gegen den Mann, der im Juli 2019 einen Achtjährigen und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen und im Anschluss eine weitere Frau verletzt haben soll. Nun muss vor Gericht die Frage nach der Schuldfähigkeit des Mannes geklärt werden.
Elena Zompi /
Am 29. Juli 2019 stieß ein Mann einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter am Frankfurter Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE. Die Mutter konnte sich auf einen Gehweg neben dem Gleis retten, ihr Sohn wurde von dem Zug erfasst und starb auf den Gleisen. Noch bevor der Mann vom Tatort wegläuft, stößt er eine 79 Jahre alte Frau zu Boden und verletzte sie schwer. Es war eine unvorstellbare Tat, die ganz Deutschland erschütterte. Am Mittwoch begann nun der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Habte A. vor dem Frankfurter Landgericht.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem 41-jährigen Beschuldigten Totschlag, versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor. Derzeit geht das Gericht davon aus, dass Habte A. aufgrund einer schizophrenen Psychose, die laut Gutachten zur Tatzeit in akuter Form vorgelegen habe, schuldunfähig ist. Bereits Ende August des vergangenen Jahres teilte die Staatsanwaltschaft mit, das der Beschuldigte dem Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen zufolge an einer Erkrankung aus dem schizophrenen Spektrum, am ehesten an einer „paranoiden Schizophrenie“ leide. Diese soll laut Gutachter zur Tatzeit in akuter Form vorgelegen und kausal in Zusammenhang mit der Tat gestanden haben. Daher „sei zumindest von einer erheblich verminderten Einsichts- und Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten bei Tatbegehung auszugehen“.
Sollte die Beweisaufnahme zeigen, dass der Beschuldigte die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer bewusst ausgenutzt habe, kämen auch Mord sowie versuchter Mord infrage, wie die zuständige Strafkammer des Landgerichts am Mittwoch erklärte. Der Anwalt der Familie des Achtjährigen, Ulrich Warncke, sagte, es gebe „gute Argumente dafür, dass es sich [bei der Tat] um Mord handelt“.
„Es tut mir sehr leid“
Habte A. ließ am Mittwoch über seinen Anwalt verkünden, dass er nicht aussagen werde. In einer kurzen schriftlichen Erklärung teile er mit, dass er „sehr krank“ gewesen sei und dass sich alles so zugetragen haben müsse, wie es in der Anklage steht. „Es tut mir sehr leid, insbesondere für die Familie des getöteten Jungen.“
Keine Erinnerung an die Tat
Gegenüber einem Sachverständigen, der am ersten Prozesstag aussagte, gab Habte A. vergangenes Jahr an, sich nicht an die Tat erinnern zu können; erst bei der Festnahme setze seine Erinnerung bruchstückhaft wieder ein. Auch zu der Vorgeschichte des Beschuldigten macht der Sachverständige Angaben: Soll soll Habte A. ihm gegenüber erklärt haben, dass seine psychischen Probleme Ende 2018 begannen. Seitdem habe er sich von seinen Mitmenschen beobachtet und verfolgt gefühlt. Immer wieder habe er Stimmen gehört, die ihn beschimpft und bedroht hätten. Am Tattag hätten sie ihm gesagt, dass seine Familie in der Schweiz getötet wurde. Ob diese Stimmen ihm auch einen „Befehl“ zu der Tat gegeben haben, wisse er nicht mehr. Er müsse aber, so sagt er, außer Kontrolle gewesen sein. „Falls die Vorwürfe zuträfen“, sei dies der größte Fehler seines Lebens.
Weiteres Opfer sagt am ersten Tag aus
Am 29. Juli 2019 um 10.07 Uhr sprach Gerlinde S. ihrem Mann auf den Anrufbeantworter den Satz „Ich bin gerade einem Anschlag entkommen.“ Denn kurz nachdem die 79-Jährige an diesem Tag sah, wie auf Gleis sieben des Frankfurter Hauptbahnhofes eine Frau und ihr Sohn von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen wurden, spürte auch sie einen Stoß von hinten. „Es war ein großes Geschrei und Durcheinander“, die Mutter des getöteten Achtjährigen habe am Bahnsteig „ganz fürchterlich geschrien“, berichtet Gerlinde S. am ersten Prozesstag vor Gericht.
Sie leide noch heute sehr unter diesem Vorfall, sagt Gerlinde S. Durch den Sturz kann sie ihren rechten Arm immer noch nicht ausstrecken. Auch psychisch hinterließ das Geschehen Spuren bei der 79-Jährigen: Sie fürchtet sich vor Stürzen und traue sich seitdem nicht mehr, alleine mit dem Zug zu fahren.